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Die Schönbornfranken in Transkarpatien – Vortrag und Filmvorführung
26. September 2022
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Stiftungsvorstandsvorsitzender Prof. Dr. Oliver Junk, Dr. Rudolf Distler, Julia Taips, Geschäftsführer Sebastian Machnitzke, Lene Dej, Stiftungsratsvorsitzender Hartmut Koschyk und Dr. Marco Just Quiles bei der Überreichung eines Spendenschecks zugunsten des Kinderkrankenhauses in Mukatschewo

Im Rahmen des Jugendforums Europa-Lateinamerika 2022, das zwischen dem 19. und 21.09.2022 auf Initiative der Stiftung Verbundenheit hin stattgefunden hat, wurde eine Abendveranstaltung in der Schlossgalerie zum Thema der „Schönbornfranken“ in Transkarpatien organisiert. Diese bestand aus einem Vortrag von Dr. Rudolf Distler sowie einer Filmvorführung der ukrainischen Journalistin Lene Dej und wurde von Marco Just Quiles, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Stiftung Verbundenheit, moderiert.

Lene Dej, Dr. Marco Just Quiles

Der Bezirk Oberfranken und die Region Transkarpatien entwickeln seit mehreren Jahren ihre partnerschaftliche Zusammenarbeit im kulturellen, medizinischen und humanitären Bereich. Dies den anwesenden Bewohnern der Stadt Bayreuth sowie den Teilnehmern des Jugendforums näher zu bringen, war zunächst in Form des erwähnten Vortrags von Herrn Dr. Distler möglich. Als Referent konnte er den Zuschauern in der Schlossgalerie und per Livestream die Region und die Geschichte Transkarpatiens näher erklären. Er ging zunächst allgemein auf die Auswandererbewegungen ein und stellte im Anschluss die Herkunft der „Schönbornfranken“ dar, was gerade für die aus der lokalen Umgebung kommenden Zuschauer und Zuhörer sehr interessant war. Das Leben der deutschen Gruppe im Vielvölkerstaat mit Blick auf die letzten drei Jahrhunderte machten den Hauptteil des Vortrags aus. Im Jahr 1733 waren mehrere Familien und Einzelpersonen aus Franken einem Aufruf des Bamberger und Würzburger Fürstbischofs Lothar Franz von Schönborn, eines der mächtigsten kirchlichen Reichsfürste im Heiligen Römischen Deutschen Reich und Reichskanzler Luther Franz von Schönborn ins Land am Fuß der Karpaten gefolgt.

Dr. Rudolf Distler

Im weiteren Verlaufe wurde der Film der ukrainischen Journalistin Lene Dej gezeigt. Die Idee, einen Film über Transkarpatiendeutsche zu schaffen, gehört dem Stiftungsratsvorsitzenden Hartmut Koschyk, der seit vielen Jahren zwischenmenschliche Kontakte und kulturelle Beziehungen zwischen Oberfranken und Transkarpatien sorgsam pflegt. In der Umgebung von Mukatschewo, im äußersten Westen der Ukraine, befinden sich Dörfer mit deutschen Namen wie Schönborn, Plankendorf, Mädchendorf und Pausching. Vor ungefähr 300 Jahren haben sich in dieser Region deutsche Bürgerinnen und Bürger niedergelassen, die „Schönbornfranken“ genannt werden und deren Nachkommen auch heute noch in Transkarpatien leben und die deutsche Sprache und Traditionen ihrer Vorfahren pflegen.

Dieser Film erzählt über den großen Beitrag, die die Kolonisten zur Entwicklung dieser Region beigetragen haben. Die VertreterInnen der Familie Schönborn förderten die Entwicklung der Landwirtschaft und des Weinbaus vor Ort. Man sieht noch heute die Spuren der ersten ÜbersiedlerInnen auf den alten Friedhöfen der ehemaligen deutschen Dörfer. Im Laufe ihrer Reise hat Lene Dej mehrere Deutsche vor Ort interviewt, die über ihre Geschichte und aktuelle Lage in der Umgebung erzählt haben. So erwähnt der Leiter des Vereins „Wiedergeburt“ in Tschinadijewo, Soltan Kismann, im Gespräch, dass die Kolonisten die Meister in Bauarbeiten waren. Ein Einwohner des Dorfes Tschinadijewo, Josef Pensenstadler, betonte, dass die aus Franken angekommenen Deutschen fleißige Handwerker und Bauer waren, die die Dörfer gegründet haben und Grundstücke sorgfältig kultiviert haben.

Die Titelsequenz des Films von Lene Dej

Der Historiker Dr. Rudolf Distler erklärt, dass Deutsche in diesen Siedlungen die Mundart sowie Religion weiter pflegen, die auch heutzutage von einer großen Bedeutung ist, da die Konfession ein wesentlicher Teil des Deutschtums ist. Sie haben einen eigenen Priester, Josef Trunk, der im Interview erwähnt hat, dass noch vor 20 Jahren alle Menschen auf den Straßen schwäbisch geredet haben.

Nach dem zweiten Weltkrieg mussten Transkarpatiendeutsche das Schicksal vieler anderen Deutschen in der UdSSR „annehmen“, als das Karpatenland an die Sowjetunion angeschlossen wurde und einheimische Deutsche, die dieses Gebiet besiedelt haben, nach Sibirien verschleppt wurden. Die Einwohner, die teilweise in Sibirien geboren wurden, sind Zeugen der sowjetischen Verschleppung und erinnern sich an das Schicksal ihrer Familien, die den Schrecken dieser Deportation erlebt haben – Hunger, Elend und Tod der Familienangehörigen. Erst im Jahr 1953, nach dem Tod von Stalin war es ihnen möglich, heimzukehren.

Der Oblast Transkarpartien im äußersten Westen der Ukraine

Aufgrund der Arbeitslosigkeit und eines niedrigen Lebensniveaus sind viele der Deutschen aus Transkarpatien zum Ende der 1980er- bzw. zu Beginn der 1990er-Jahre nach Deutschland ausgereist. Nur 15 bis 20 Prozent von ihnen sind in der Heimat geblieben. Diese jedoch bewahren als Teil der deutschen Minderheit ihre Muttersprache, ihr Brauchtum und geben ihre Traditionen an die nächsten Generationen weiter. In Mukatschewo und Tschinadijewo funktionieren deutsche Begegnungszentren, die nach der Wende gegründet wurden. Julia Taips, Leiterin der „Deutschen Jugend Transkarpatiens“, organisiert mit ihrem Verein Deutschkurse und Bildungs- und Kulturveranstaltungen für ethnische Deutsche sowie alle Interessenten. Der deutsche Mädchenchor „Singende Herzen“ in der Stadt Mukatschewo, der sich dem kirchlichen und klassischen Gesang verschrieben hat, ist dank der ständigen Teilnahme an internationalen Wettbewerben außerhalb der Ukraine bekannt.

Seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine haben sich die Prioritäten der Tätigkeiten des Vereins „Deutsche Jugend Transkarpatiens“ geändert. Der Schwerpunkt liegt neben den Projekten vor allem auf der humanitären Unterstützung der Binnenflüchtlinge. Julia Taips und ihr Team leisten für die Angehörigen der deutschen Minderheit und für alle ukrainischen Bürgern konkrete und direkte Hilfe, die auch von Partnern aus Deutschland wie z.B. der Stiftung Verbundenheit mitorganisiert wird.

Sehen Sie die ganze Veranstaltung im Mitschnitt: https://youtu.be/2maFUYo84w4

Text: Alexandra Litschagin
Bilder: Stiftung Verbundenheit

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Florian Schmelzer

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