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Friedliche Revolution statt Wende / Eppelmann klagt über erschreckende Unkenntnis bei junger Generation über die deutsche Wiedervereinigung
19. Oktober 2010
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Die deutsche Wiedervereinigung war keine Wende, sondern eine friedliche Revolution. Rainer Eppelmann, prominenter DDR-Oppositioneller, Minister der letzten, frei gewählten DDR-Regierung und langjähriger CDU-Bundestagsabgeordneter verwahrt sich dagegen, den aus dem Wortschatz von Egon Krenz stammenden, „verniedlichenden“ Begriff der Wende zu benutzen. Bei einer Veranstaltung des Parlamentarischen Finanzstaatssekretärs Hartmut Koschyk am Montagabend in Bayreuth plädierte er stattdessen dafür, bei der Sprache und Begrifflichkeiten anzusetzen, um jungen Leuten die historischen Ereignisse des Jahres 1989 und deren große Bedeutung für die Demokratie nahe zu bringen. Während Krenz als DDR-Staatsratsvorsitzender mit seinem Begriff der Wende eine „begrenzte politische Korrektur“ im Sinn hatte, habe die Opposition 1989 von Anfang an eine totale Veränderung angestrebt. „Das kann man nur Revolution nennen“, sagt Eppelmann. Den Einwand, dass Revolution mit Begriffen wie Terror oder Fallbeil assoziiert werde, lässt er dabei nicht gelten. Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung seien schließlich friedlich vonstatten gegangen. Eppelmann: „Jedem, dem der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur wichtig ist, muss es Revolution nennen.“

Eppelmann 2Von der Freiheit zur Einheit: Rainer Eppelmann, heute Vorstandsvorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Die sprachliche Begrifflichkeit bezeichnet der heutige Vorstandsvorsitzende der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur als so wichtig, da gerade in der jüngeren Generation oft erschreckende Unkenntnis vorhanden sei. Deutschland teile sich heute in „die dabei gewesenen“ und die „danach geborenen“ auf, so Eppelmann. Wer jünger als 30 ist und aus der ehemaligen DDR stammt, habe heute keine oder lediglich noch eine relativ unwichtige Erinnerung daran, was das Leben in der Diktatur angeht. Für manchen 25jährigen seien die Geschehnisse des Jahres 1989 so weit weg, wie Napoleon oder Kaiser Wilhelm. 33 Prozent einer Gymnasialklasse hätten neulich bei einer Veranstaltung nicht den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur benennen können.
Eppelmann nennt dies dumm und kurzsichtig und berichtet ausführlich von seinen traumatischen Erfahrungen in der DDR, wo er sogar einen Mordanschlag überlebt hatte. „Evangelischer Christ und Nicht-Mitglied der FdJ, das reichte schon aus, um kein Abitur machen zu dürfen.“ Weil er den Dienst mit der Waffe verweigerte und den Fahneneid nicht mitsprach wurde er zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

Eppelmann 1Einen Erstdruck der Sonderbriefmarke „20 Jahre Deutsche Einheit“ überreichte der Parlamentarische Staatssekretär Hartmut Koschyk (links) an den früheren DDR-Oppositionellen, ehemaligen Minister und langjährigen Bundestagsabgeordneten Rainer Eppelmann.

Eppelmann stellt klar, dass die Frage der Deutschen Einheit nicht erst im Herbst 1989 in der DDR eine Rolle gespielt habe. Schon beim blutig niedergeschlagenen Volksaufstand am 17. Juni 1953 seien freie Wahlen und der Rücktritt der Regierung gefordert worden. Bis zum Mauerbau 1961 hätten über zwei Millionen Menschen die DDR verlassen, insgesamt seien es bis 1989 fast vier Millionen gewesen. Wer ging, der sei in dem Bewusstsein gegangen, nie mehr zurückkehren zu können. Nach dem Mauerbau sei die Hoffnung, noch zu Lebzeiten etwas bewegen zu können, immer kleiner geworden. Gerade deshalb hätten sich bei den ersten freien Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990 rund 85 Prozent für eine schnelle Einheit ausgesprochen, auch wenn dies in bestimmten Kreisen heute gerne anders dargestellt werde.
Wenn die Linkspartei heute in einigen ostdeutschen Ländern Umfragen zufolge stärkste Fraktion werden könnte, so wundert dass Eppelmann nicht nicht unbedingt. Etwa 20 Prozent der DDR-Bürger seien in der Partei gewesen. Dazu kämen heute die unter 25-Jährigen, die sich benachteiligt fühlten. Viel mehr wundere es ihn, dass es auch in Bayern, im Saarland oder in Nordrhein-Westfalen Menschen gebe, „die diesen Verführern und Vertröstern glauben, man könne mit ihnen einen besseres Staat bekommen, als wir ihn haben“.
Die Konsequenz aus dem eindrucksvollen Lebensberichtes von Rainer Eppelmann sei es, dass eine Demokratie auf Bürger angewiesen sei, die sich für das Gemeinwesen engagieren und politisch interessieren, so Staatssekretär Koschyk. Er überreichte Eppelmann eine Erstausgabe der Sonderbriefmarke und einen Erstprägung der Sondermünze, die vor kurzem zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit erschienen sind.

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