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Koschyk: Gedenktag für Ungarndeutsche ist wichtiger Schritt zur Versöhnung und zur Bewältigung eines dramatischen Teils deutsch-ungarischer Geschichte
14. Dezember 2012
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In Ungarn wird ab dem kommenden Jahr der Vertreibung der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht. Eine entsprechende Resolution für den 19. Januar als jährlichen Gedenktag nahm das ungarische Parlament am Dienstag ohne Gegenstimme an. An diesem Datum verließen 1946 die ersten Deportationszüge das Land. Grundlage dafür war das Potsdamer Abkommen von 1945. 1941 hatten in einer Volkszählung 377000 Menschen in Ungarn Deutsch als ihre Muttersprache bezeichnet. Mehr als die Hälfte verließen das Land.

Tausenden Deutschen wurde damals die Staatsbürgerschaft entzogen. Tausende waren zuvor bereits in sowjetischen Lagern ermordet worden. Mit dem Gedenktag will die ungarische Regierung an die ungerechtfertigte Vertreibung erinnern. Eine Entschädigung der Vertriebenen stand jedoch nicht zur Debatte.

Wie für alle anerkannten ethnischen Minderheiten in Ungarn gibt es heute eine Landesselbstverwaltung sowie örtliche Unterstrukturen, mit denen in erster Linie Bildungs- und Kultureinrichtungen betrieben und die entsprechenden staatlichen Fördergelder verteilt und verwaltet werden. Eine direkte parlamentarische Vertretung, wie sie z.B. die Slowako- oder Rumänienungarn in den Nachbarländern haben, gibt es für ethnische Minderheiten in Ungarn aber noch nicht. Dennoch sind für die nächste Legislaturperiode einzelne Mandate im Parlament für Minderheitenvertreter reserviert.

Ungarn begeht übrigens auch einen Holocaust-Gedenktag sowie einen Gedenktag an die Unterzeichnung des Vertrags von Trianon 1920, durch den große von Ungarn besiedelte Gebiete den Nachbarstaaten, vor allem der Slowakei und Rumänien, zugeschlagen wurden.

Ich stimme mit der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach MdB, überein, dass die regierende Partei Fidesz zusammen mit den Christdemokraten Ungarns mit dieser Resolution einen Weitereren wichtigen Schritt zur Versöhnung und zur Bewältigung eines dramatischen Teils deutsch-ungarischer Geschichte getan haben.

In diesem Zusammenhang sollte auch auf das vergangenen Deutsch-Ungarische Forum in Berlin im November hingewiesen werden. Im Rahmen des Deutsch-Ungarischen Forums hatte die ungarische Botschaft gemeinsam mit der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland und dem Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland, dessen Stiftungsratsvorsitzender und Bundesvorsitzender ich bin, das Ensemble der „Deutschen Bühne Ungarn“ in der südungarischen Stadt Szekszárd nach Berlin eingeladen, um im Berliner Admiralspalast das Stück über das Leben von Raoul Wallenberg aufzuführen. Zu den wichtigsten Aufgaben der Deutschen Bühne Ungarn gehören die Pflege und Vermittlung der deutschen Sprache, aber auch die Bewahrung der kulturellen Werte der mehr als 200.000 Ungarndeutschen.

Die Deutschen Minderheit in Ungarn beteiligt sich aktiv am kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben, ohne dabei die eigene kulturelle Identität zu verlieren. Das Beispiel der „Deutschen Bühne Ungarn“ zeigt, dass es sich lohnt die Bewahrung der kulturellen Identität der Deutschen Minderheit in Ungarn und anderenorts zu fördern. Das Beispiel der „Deutschen Bühne Ungarn“ und der Theateraufführung gerade an einem 9. November zeigt aber auch: Die Deutsche Minderheit in Ungarn ist ein entscheidender Brückenbauer zwischen Deutschland und Ungarn und trägt nachhaltig zur gegenseitigen Verständigung und zum weiteren Ausbau der guten bilateralen Beziehungen bei.

Der vom ungarischen Parlament beschlossene Gedenktag für die vertriebenen Ungarndeutschen ist nicht nur ein sichtbares Zeichen der deutsch-ungarischen Aussöhnung, sondern auch eine Würdigung der Leistungen der in Ungarn verblieben deutschen Volksgruppe auf wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder wie mit der Deutschen Bühne Ungarn kulturellen Gebiet und ihre Rolle als Botschafter der guten deutsch-ungarischen nachbarschaftlichen Beziehungen in einem Europa der Vielfalt!

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