Allgemein Für Deutschland
Koschyk: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Zeit für ein geeintes Korea kommen wird“
27. Juli 2012
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O Koschyk

Das Koreanische Kulturzentrum der Kulturabteilung der Botschaft der Republik Korea führte für die Quartalszeitschrift „Kultur Korea“ nachfolgendes Interview mit dem Ehrenpräsidenten der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft und Ko-Vorsitzenden des Deutsch-Koreanischen Forums, Finanzstaatssekretär Hartmut Koschyk MdB.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren für die Förderung der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Korea. Ende März 2012 wurde Ihnen in der Botschaft der Republik Korea in Berlin im Namen des Präsidenten der Republik Korea durch S.E. Botschafter Tae-young Moon der Erste-Klasse-Orden für besondere diplomatische Verdienste in Form der „Gwanghwa-Medaille“ verliehen. Auf welche Art Ihres Engagementsgeht diese besondere Ehrung zurück?Worin begründet sich Ihr außergewöhnliches Interesse für Korea?

Insbesondere vor dem Hintergrund der leidvollen Erfahrung der deutschen Teilung und dem Glück der deutschen Wiedervereinigung ist es mir ein besonderes Anliegen, dass sich die deutsch-koreanischen Beziehungen nachhaltig fortentwickeln und Deutschland und die EU zu einer Entspannung in Nordostasien und einer nachhaltigen innerkoreanischen Annäherung beitragen. Die große Ehre, die mir mit der höchsten Auszeichnung der Republik Korea für ausländische Politiker zuteil wurde, habe ich stellvertretend für alle entgegengenommen, die sich gemeinsam mit mir für eine positive Entwicklung der deutsch-koreanischen Beziehungen in den letzten Jahrzehnten eingesetzt haben. Es freut mich sehr, dass es in meiner Zeit als Vorsitzender der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe von 1998 bis 2009einen regen Austausch zwischen den Politikern beider Länder gab. Auf Initiative der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe wurden in den Jahren 2003 und 2008 auch zwei Anträge mit dem Titel „Die deutsch-koreanischen Beziehungen dynamisch fortentwickeln“ im Deutschen Bundestag verabschiedet. Ebenso war es mir in den zurückliegenden Jahren als Präsident der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft seit 2003 und als Ko-Vorsitzender des Deutsch-Koreanischen Forums seit 2007 ein großes Anliegen den Austausch beider Länder im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Bereich zu verstärken. Gerne habe ich anlässlich des 130-jährigen Jubiläums der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Korea und Deutschland für das Jahr 2013 die Herausgabe einer gemeinsamen Sonderbriefmarke initiiert.

Deutschland und Korea eint die Erfahrung, geteiltes Land (gewesen) zu sein. Als Politiker und Autor haben Sie sich intensiv mit dem Thema der innerdeutschen und der innerkoreanischen Teilung und Vereinigung auseinandergesetzt Sie sind mehrfach nach Süd- und Nordkorea gereist und treten für eine Annäherung der beiden Koreas ein. Welche Chancen sehen Sie für eine Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel? Inwiefern erhöht oder mindert der Führungswechsel in Pjöngjang Ihrer Einschätzung nach die Chancen, diesem Ziel näher zu kommen?

Die Welt verändert sich rasant und somit entsteht das natürliche Verlangen nach Dynamik und Veränderung. Stärke besteht seit langem nicht mehr in Teilung und Isolation sondern in Einheit und Solidarität. Ich bin fest davon Überzeugt, dass die Zeit für ein geeintes Korea kommen wird. Dies kann durchaus schneller als erwartet der Fall sein. Auch Anfang 1989 hat kaum jemand auf der Welt geglaubt, dass im Herbst die Berliner Mauer fallen und Deutschland im Oktober 1990 wiedervereint sein wird! Und, obwohl eine scheinbar undurchdringliche Grenze, die berüchtigte Demilitarisierte Zone (DMZ) Nord- und Südkorea voneinander trennt, kommt es durch über den Umweg Chinas zu einem stetig wachsenden Informationsfluß über den Aufstieg Südkoreas zu einer der führenden Industrienationen der Welt, aber auch die Erfolge im wirtschaftlichen Reformprozeß von China. Ich kann die Bevölkerung in Südkorea nur ermutigen, die Hoffnung auf Einheit nicht zu verlieren. Aus seiner großartigen Geschichte und Kultur kann Korea den langen Atem entwickeln, um ein so großes und wunderbares Projekt wie die Vereinigung seines Vaterlandes zu erreichen.
Die Ankündigung des neuen Machthabers Kim Jong Un, Nordkoreas Atomtests und die Urananreicherung auszusetzen, waren ein hoffnungsvollen Signal aus Pjöngjang einen guten Schritt voran in Richtung Entspannung zukommen, da es sich um eine außenpolitische Festlegungen von großer Tragweite handelte. Gleichzeitig verdeutlichte der Satellitenstart in Nordkorea, dass das dortige Regime nach wie vor unberechenbar bleibt. Insgesamt braucht die Wiederannäherung Nord- und Südkoreas auch weiterhin ein positives regionales und internationales Umfeld. So wäre der Prozess der Deutschen Einheit ohne die europäischen und transatlantischen Partner Deutschlands sowie ohne die Einsicht der sowjetischen Führung unter Gorbatschow für einen Kurswechsel auch in der Deutschland-Politik nicht möglich gewesen. Daher braucht auch die innerkoreanische Annäherung zwingend die Unterstützung durch die internationale Staatengemeinschaft – d.h. der Vereinten Nationen, der regionalen Mächte, aber insbesondere auch der USA, Chinas, Russlands und Japans.

Welche Lehren sind im Fall einer innerkoreanischen Vereinigung aus dem deutschen Beispiel zu ziehen?

Skeptiker einer koreanischen Wiedervereinigung weisen auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten hin, die Deutschland nach seiner Wiedervereinigung zu bewältigen hatte und noch immer zu bewältigen hat. In diesem Zusammenhang plädiere ich für mehr Realitätssinn und Augenmaß. Sicherlich ist die koreanische Situation in zahllosen Punkten von der deutschen Lage 1989/90 verschieden. Wenn man aber die ökonomischen Herausforderungen der Deutschen Einheit gegen eine koreanische Wiedervereinigung auszuspielen versucht, darf ich daran erinnern, dass wir diese gigantische Aufgabe zum weit überwiegenden Teil sehr gut gemeistert haben. Das geeinte Deutschland ist heute wirtschaftlich stärker als die beiden Staaten in Deutschland es vor 1990 waren.
Natürlich müssen beide Seiten bei der Vereinigung zweier für sich allein unterschiedlicher Wirtschaftssysteme Einschränkungen hinnehmen und Belastungen ertragen. Denn Teilung kann nur durch Teilen überwunden werden. Im Hinblick auf die Teilung der koreanischen Halbinsel ist es daher richtig, dass die politisch Verantwortlichen in der Republik Korea die Bevölkerung bereits heute darauf vorbereiten, dass eine Wiedervereinigung mit Kosten verbunden sein wird. Allerdings ist auch die Teilung Koreas, wie einst auch die Teilung Deutschlands, mit hohen Kosten verbunden, wie beispielsweise hohe Militärausgaben, Sonderausgaben für Provinzen entlang der demilitarisierten Zone oder Ausgaben für humanitäre Hilfe für Nordkorea. Besonders betonen möchte ich hier auch die sogenannte Grenzlandförderung während der Deutschen Teilung. Die Kosten einer dauerhaften Teilung sind sicher höher, als die Ausgaben, die man in die Zukunft eines geeinten Korea investiert. Darüber hinaus kann man am Beispiel Deutschland sehen, dass sich die Zukunftsinvestitionen in die Deutsche Einheit gerade im Hinblick auf die Wirtschafts- und Finanzmarktkrise doppelt ausgezahlt haben: Kein Land in Europa hat die Krise besser überwunden als Deutschland!

Die koreanische Halbinsel ist seit über einem halben Jahrhundert geteilt. Süd und Nord haben im Laufe der Zeit eine eigene Entwicklung vollzogen. Welche persönlichen Eindrücke sind Ihnen bei Ihren Reisen nach Süd- und Nordkorea konkret im Hinblick auf kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede am stärksten in Erinnerung geblieben?Anders gefragt: Inwiefern war für Sie die lange Zeit der getrennten Entwicklung spürbar?

Bei meinen Reisen nach Süd- und Nordkorea ist mir bewusst geworden, dass die Trennung der koreanischen Halbinsel viel radikaler ist, als sie es zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland je war, weil bis heute weder Menschen noch Information und Kommunikation die demilitarisierte Zone in wirklich nennenswertem Umfang überschreiten. Und so besteht die Gefahr, dass die Sehnsucht nach Annäherung und Wiedervereinigung allmählich nachlässt, wenn es einmal die älteren Menschen, die noch eigene Erinnerungen an ein geeintes Korea haben, nicht mehr gibt. Es ist daher Aufgabe der politisch Verantwortlichen, der Schulen und Universitäten, der Historiker und Kulturschaffenden, den Geist der Einheit in die jüngeren Generationen zu tragen, ihn wach zu halten und den jungen Menschen zu vermitteln, warum auch sie Interesse und Verantwortung dafür empfinden sollten, was im Norden Koreas passiert. Korea teilen seit rund 60 Jahren Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit auf der einen Seite und Unfreiheit, Diktatur und Verletzung der Menschenrechte auf der anderen Seite. Gemeinsam eint Korea als verbindendes Element jedoch eine Jahrtausende alte Kultur und Geschichte. In diesem Bewusstsein sollten die in Freiheit lebenden Koreaner sich über die Lage der Landsleute im Norden informieren, Wissen erwerben, Verständnis entwickeln und sich auch gesellschaftlich und politisch für Annäherung und Aussöhnung engagieren. Jede Begegnung, jeder Kontakt und jeder Austausch ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt auf dem Weg, die nationale Einheit wieder zu erlangen.

Das Deutsch-Koreanische Forum führt deutsche und koreanische Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, berät über die wichtigen Fragen der deutsch-koreanischen Beziehungen und richtet seine Empfehlung an die Regierungen beider Länder. Im vergangenen Jahr fanden die Sitzungen des 10. Deutsch-Koreanischen Forums im Deutschen Bundestag Berlin statt.
Wie würden Sie die Entwicklung der bilateralen Beziehungen in den letzten zehn Jahren beschreiben? Welche Zielsetzung streben Sie für die Zukunft an?

In den letzten zehn Jahren haben sich die Beziehungen unserer beiden Länder auf politischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Ebene auch Dank der Arbeit des Deutsch-Koreanischen Forums kontinuierlich fortentwickelt. Durch die deutsche Politik und Diplomatie, die deutsche Wirtschaft, durch die deutschen politischen Stiftungen, das Goethe-Institut, den Deutschen Akademischen Austauschdienst, die Alexander-von-Humboldt Stiftung, aber auch durch deutsche humanitäre Organisationen wie die Welthungerhilfe, das Deutsche Rote Kreuz und die beiden großen christlichen Kirchen leistet Deutschland heute einen entscheidenden Beitrag für eine innerkoreanische Annäherung. Darüber hinaus tagte im November des vergangenen Jahres und im Mai diesen Jahres eine deutsch-koreanische Expertengruppe zur Wiedervereinigung, der von deutscher Seite unter anderem Lothar de Maizière, Horst Teltschik und Rainer Eppelmann angehörten. Dabei wurde erörtert, welche Erfahrungen aus der Deutschen Teilung und dem Prozess der Deutschen Wiedervereinigung im Hinblick auf die Überwindung der Teilung auf der koreanischen Halbinsel abgeleitet werden können. All dies zeigt, dass die bilateralen Beziehungen unserer beider Länder sich stetig fortentwickeln. Darüber hinaus setzte sich Deutschland nachhaltig für die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und der Republik Korea ein. Persönlich werde ich mich auch weiterhin für eine dynamische Entwicklung der deutsch-koreanischen Beziehungen und eine innerkoreanische Annäherung mit dem Ziel einer Wiedervereinigung einsetzen.

Zum Bericht in der Quartalszeitschrift Kultur Korea gelangen Sie hier.

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