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Paneldiskussion zum Thema „Deutschsprachige Gemeinschaften in aller Welt. Neue zivilgesellschaftliche Impulse für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands“ im Rahmen des Jugendforums Lateinamerika-Europa 2022
26. September 2022
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Dr. Marco Just Quiles, Sylvia Saenger, Karoline Gil, Prof. Gesine Lenore Schiewer, Julia Taips, Hartmut Koschyk

Am 20. September um 19:00 Uhr veranstaltete die Initiative #jungesnetzwerk der Stiftung Verbundenheit im Rahmen des in Kooperation mit der Universität Bayreuth initiierten Jugendforums Lateinamerika – Europa eine Paneldiskussion zum Thema „Deutschsprachige Gemeinschaften in aller Welt. Neue zivilgesellschaftliche Impulse für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands“. Zentrales Thema war der Austausch zwischen den deutschen Minderheiten Ost- und Mitteleuropas mit den deutschsprachigen Gemeinschaften in Südamerika: das Finden von Gemeinsamkeiten und das Erarbeiten gemeinsamer Projekte. Hierbei geriet das der Arbeit des Jungen Netzwerks in Südamerika zugrunde liegende Konzept der Bürgerdiplomatie in den Focus der Aufmerksamkeit, bei dem zivilgesellschaftliche Akteure als Botschafter und Multiplikatoren der Auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik (AKPB) fungieren, um so ein wertegeleitetes, modernes Bild Deutschlands in ihren jeweiligen Heimatländern zu vermitteln, wobei die klassischen Felder der AKBP, Sprach- und Kulturvermittlung, um wertbasierte Themenfelder ergänzt werden, deren Stärkung und Verbreitung zum modernen Selbstbild der Bundesrepublik gehören: Umweltbewusstsein, Geschlechtergerechtigkeit, gesellschaftliche Pluralität, Meinungsfreiheit.

Teilnehmende waren Frau Prof. Gesine Lenore Schiewer (Lehrstuhl für Interkulturelle Germanistik der Uni Bayreuth), Hartmut Koschyk (Ratsvorsitzender der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland), Karoline Gil (Leiterin des Bereichs Integration und Medien des Instituts für Auslandsbeziehungen – ifa), Julia Taips (Leiterin der Deutsche Jugend in Transkarpatien) sowie Silvia Saenger (Projektmitarbeiterin der Stiftung Verbundenheit und des Jungen Netzwerks in Argentinien).

Moderiert wurde die Veranstaltung vom stellvertretenden Geschäftsführer und Projektleiter für Südamerika Dr. Marco Just Quiles, der gleich zu Beginn den besonderen Charakter der erstmalig stattfindenden Veranstaltung als neues Austauschformat betonte, bei der erstmals Vertreter sowohl der deutschsprachigen Gemeinschaften in Südamerika, als auch Vertreter der Deutschen Minderheiten aus mittelosteuropäischen Staaten (der Ukraine, Polen und der Tschechischen Republik) zusammenkamen, um über ihre Rolle in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik zu diskutieren, Gemeinsamkeiten zu entdecken und darauf basierend gemeinsam Projektideen zu entwickeln, mit deren Umsetzung in absehbarer Zeit zu rechnen sei. Die viel zitierte „gemeinsame Wertebasis“, wie sie der ehemalige Außenminister Heiko Maas zwischen Deutschland und Südamerika konstatierte, erstrecke sich auch auf Osteuropa.

Er unterstrich den Unterschied in dem Ansatz der Förderung beider Gruppen: in Südamerika erfolge die Förderung im Rahmen der Auswärtigen Kultur und Bildungspolitik, in Mittel- und Osteuropa sei die Förderung dagegen Ausdruck einer „historischen Verantwortung für die deutsche Minderheit vor Ort, die alleine ihrer Volkszugehörigkeit wegen lange für die Verbrechen Nazideutschlands leiden mussten“. Dieser Tatsache und der unterschiedlichen Förderungsmöglichkeiten und -Modalitäten zum Trotz seien beide Gruppen gleichzeitig Empfänger und Botschafter der Förderung durch die Bundesregierung. „In Zeiten, in denen Konflikte zunehmen, und Mauern aufgebaut werden, in Zeiten, in denen vereinzelt deutsche Minderheiten aus nationalistischen und anderen Gründen in zwischenstaatlichen Beziehungen instrumentalisiert werden, gerade in solchen Zeiten ist es wichtiger denn je, sich auf gesellschaftsübergreifende Projekte zu konzentrieren. Die deutschen Minderheiten im Ausland gehen hier als Vorbilder voran.“

Just Quiles übermittelte Grüße der Bundesregierung, insbesondere des Bundeskanzlers Olaf Scholz und der Innenministerin Nancy Fraeser und trug ein Grußwort der Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Natalie Pawlik, vor. Darin lobte sie die Arbeit der Stiftung: diese setze sich immer wieder mit neuen und kreativen Wegen für die Pflege der deutschen Sprache und Kultur im Ausland ein. Insbesondere die Arbeit der Stiftung in Südamerika, wo man versuche, dem Ansatz der Bürgerdiplomatie folgend, eine positives Deutschlandbild zu verbreiten, sei ganz im Sinne der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik.

(Lesen Sie hier das Grußwort in voller Länge: https://www.stiftung-verbundenheit.de/de/blog/meldungen/Grusswort-Natalie-Pawlik.php )

Stiftungsratsvorsitzender Hartmut Koschyk lobte in einer kurzen Ansprache die Erfolge des nunmehr im vierten Jahr stehenden Südamerikaprojekts der Stiftung Verbundenheit unter Federführung von Dr. Marco Just Quiles, verwies auf die Erfolge des von Just Quiles mitentwickelten Ansatzes der Bürgerdiplomatie und den Anklang, den dieses jüngst bei einer Wissenschaftskonferenz der Stiftung in Berlin insbesondere bei dem langjährigen Spitzendiplomaten Volker Stanzel gefunden hatte. 

(Lesen zum Thema Bürgerdemokratie und zur Wissenschaftskonferenz in Berlin auch:     https://www.stiftung-verbundenheit.de/de/blog/meldungen/Wissenschaftstagung-der-Stiftung-Verbundenheit-in-Berlin-zum-Thema-Buergerdiplomatie.php )

Hartmut Koschyk

Gabriel Podevils, Sprecher von #JungesNetzwerk, stellte in seiner Ansprache fest, der Kongress spende nicht nur Hoffnung für die Zukunft, sondern das Forum habe auch bestätigt, „dass der Weg der Bürgerdiplomatie an den Prozessen der sozialen Friedensarbeit mitwirkt, die kulturelle Entwicklung der Völker fördert und auf der Grundlage gemeinsamer Werte arbeitet, die in der heutigen Welt von großer Notwendigkeit sind“.

Die Diskussion begann mit einer Abgrenzung der Begriffe „Deutschsprachige Gemeinschaften“ gegenüber der klassischen „Minderheit“. Ersterer wird in Südamerika benutzt und drückt aus, dass sich die Angehörigen dieser Gruppe als z.B. Argentinier mit deutschen Wurzeln, deutschen Sprachkenntnissen definieren, keineswegs aber als der Mehrheitsgesellschaft gegenüberstehend, sondern vielmehr als Teil derselben. Demgegenüber stand lange der Begriff der „deutschen Minderheit“, die somit eine Außenseiterposition einnahm, in gewissen historischen Phasen gar unterdrückt war und um ihre kulturelle Identität kämpfen musste. Es zeigte sich aber, dass sich dieser vollkommene Gegensatz gewissermaßen aufgeweicht hat. Vielmehr zeigten sich Parallelen: in Argentinien, so erklärte Sylvia Saenger, habe jeder einen europäischen Einwanderungshintergrund, deutsche Brauchtumspflege werde eher positiv wahrgenommen. Auch Julia Taips, Vertreterin der deutschen Minderheit in der Ukraine, gestand, das Wort „Minderheit“ nicht zu mögen, man sei nicht isoliert. Auch in Transkarpatien gebe es Ungarn, Slowaken, Rumänen, Deutsche. Oftmals spreche man mehrere Sprachen. Auch sei man politisch wie kulturell breit vertreten. Hierin zeigt sich ein Wandel im Selbstverständnis und im Einfluss auf die „Mehrheitsgesellschaft“ der vermeintlich „klassischen“ Minderheiten. Damit geht auch ein Bedeutungszuwachs für die Einbindung dieser Gruppen in die AKBP einher. Denn, so Just Quiles, nur wer die Zivilgesellschaft erreiche und von ihr gehört werde, könne als Multiplikator dienen. Umgekehrt sei hierfür aber die Akzeptanz der Partikulargruppe durch die Mehrheitsgesellschaft notwendig, so Frau Prof. Schiewer, wobei man bei dem wichtigen Forschungsgebiet der Emotionen angelangt sei: je größer die Ablehnung durch die Mehrheit, desto wahrscheinlicher sei eine Art Selbstverleugnung seitens der Minderheit. 

Just Quiles, Saenger und Gil

Karoline Gil merkte an, theoretisch könnten auch andere Akteure, welche die zu vermittelnden Werte teilen, die Brückenfunktion im Rahmen der AKBP einnehmen. Der besondere Wert der Minderheiten liege darin, dass sie in zwei Kulturen zu Hause sind, was das Ausfüllen der Brückenfunktion zwischen der Zivilgesellschaft ihrer Heimat und Deutschland erleichtere. Dies zeigt sich, wie Hartmut Koschyk ausführte, bereits in der Arbeit des Jungen Netzwerks, unter dessen Protagonisten sich viele befinden, die keineswegs deutscher Abstammung sind aber dennoch, sei es durch die Beschäftigung mit der deutschen Sprache oder Kultur oder anderweitig einen engen Bezug zu dem Land aufzubauen vermochten.

Anschließend illustrierte das Panel das Besprochene durch einen Überblick und Vergleich der in der Ukraine und in Argentinien geleisteten Maßnahmen in puncto Voraussetzungen und Umfang. Julia Taips beschrieb die Tätigkeiten der Deutschen Jugend Transkarpatien, die unter dem Dach des Rats der Deutschen in der Ukraine (RDU) agiert: der Unterhalt des Deutschen Hauses in Mukatschewo, Projekte, die den Sprachverlust in der deutschen Minderheit ausgleichen, kulturelle und soziale Projekte, wie eine Reihe von Camps und Workshops für Jugendliche unter anderem zu Themen wie Literatur und Film, aber auch Seniorenhilfe. Im Zuge des russischen Angriffskrieges wurden Räumlichkeiten zur Unterbringung von Binnenflüchtlingen und Hilfsgütern genutzt und der Schwerpunkt der Arbeit verlagerte sich in Richtung humanitäre Hilfe, ohne dass die regulären Projekte langfristig eingestellt wurden.

Im Vergleich hierzu, so Sylvia Saenger kennzeichne die Arbeit in Argentinien ein deutlich geringerer Organisationsgrad. Man befinde sich jedoch – und die Erfolge des #JungenNetzwerk legen hiervon in den letzten vier Jahren beeindruckend Zeugnis ab – im Prozess der Modernisierung und Verjüngung. Noch seien jedoch eine stark veraltete Personalstruktur und inhaltlich ein zu großes Augenmerk auf Brauchtumspflege vorherrschend. Die Erkenntnis dieser Lücke im Angebot der Südamerikanischen Vereine sei es auch gewesen, die die Stiftung Verbundenheit zur Gründung des #JungenNetzwerk animiert habe, so Hartmut Koschyk.

Anschließend geriet das Konzept der Bürgerdiplomatie in den Focus der Diskussionsteilnehmer. Frau Prof. Schiewer definierte Bürgerdiplomatie als Diplomatie im vorpolitischen Raum zwischen freien, mündigen und kritischen Bürger. Dieser Prozess sei unbedingt wissenschaftlich zu begleiten, insbesondere die dafür notwendige Kommunikation sei zu beobachten. Für Bürgerdemokratie sei offener Austausch unerlässlich, der über soziale Medien stattfände, was ihn manipulationsanfällig mache. Karoline Gil ergänzte, Bürgerdiplomatie setze einen aufgeklärten, kritischen Bürger voraus und damit natürlich einen Staat, der seinen Bürgern die Entwicklung hierzu gestattet. Bürgerdiplomatie müsse also von wissenschaftlich geleiteten Programmen zur Ausbildung und Kontrolle begleitet werden

Abschließend widmete man sich Chancen und Herausforderungen moderner Minderheitenpolitik. Hartmut Koschyk sah hierzu die staatliche Förderpolitik in der Pflicht, Mittlerorganisationen und Minderheiten mehr Spielraum dafür zu geben, „neue Dinge zu wagen und auch Experimente durchzuführen“. Denn am Ende ginge es schließlich darum, die Zivilgesellschaft zu stärken, sie gegenüber potentiell negativen Entwicklungen resilient zu machen. Dazu gehöre, dass man als Mittler die Flexibilität erhalte, Programme zu kombinieren und zu verbinden, so wie die während des Forums angedachten zwischen Europa und Lateinamerika. Man brauche mehr Spielraum für praktische Arbeit im Bereich der AKBP durch das Instrument der Bürgerdiplomatie.                                                                                                                                                  Frau Prof. Schiewer mahnte an, vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte einen Stil der Zurückhaltung, der Antizipation von etwaigen Befindlichkeiten an den Tag zu legen und bei Projekten auf Inklusion zu setzen, wie es das #JungeNetzwerk bereits vorlebt anstatt exklusiv auf die Zugehörigkeit .Julia Taips wünschte sich ein stärkeres Bewusstsein in der deutschen Bevölkerung darüber, was die deutschen Minderheiten in ihren Heimatländern für Deutschland leisten, etwa durch die Verbreitung eines modernen, positiven Deutschlandbilds.

Sehen Sie die ganze Veranstaltung auf Facebook:
https://www.facebook.com/stiftungverbundenheit/videos/1538608153236563

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Florian Schmelzer

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