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Transkarpatien aktuell
22. Juli 2022
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Hier schreibt unser Mitarbeiter aus Uschgorod, Alexander Chabanov, über aktuelle Ereignisse in der Region Transkarpatien:, diesmal über die Premierre des Theaterstücks „Cry of the Nation“/ „Schrei der Nation“ am 16. Juli 2022 in Uschgorod…

Schrei der Nation

Und wenn Dein Herz weh tut, dann hast Du, mein Freund, Glück.                                                (Aus einem Brief von Wassyl Stus an seinen Sohn)

Es gibt eben Dinge, die man sehen muss, weil das Lesen allein nur den Sinn des Geschehenen wiedergibt und keine Wahrnehmung des Geschehenen bietet. So auch bei dem Stück „Cry of the Nation“ des Mariupoler Theaters, dessen Premiere am 16. Juli 2022 in Uschhoroder Theater stattfand. Das Datum fiel nicht zufällig auf den 16. Juli. Einerseits ist der 16. Juli der Tag, an dem die Souveränitätserklärung der Ukraine von Werchowna Rada verabschiedet wurde, andererseits warfen an diesem Tag vor vier Monaten die Russen eine Bombe auf das Gebäude des Mariupol-Theaters, wo sich nach verschiedenen Angaben zwischen 500 und 1200 Menschen versteckten, von denen mehrere hundert Menschen starben.

Szene des Stückes „Cry of the Nation“ (Foto: O. Chabanov)
Das Theater Mariupol vor dem Krieg (Foto: Wikipedia Commons)
Das Theater Mariupol nach dem Angriff ; auf dem Vorplatz steht in weißer Farbe: Дети = KINDER (Fото: REUTERS/Pavel Klimov/File Photo)

In dem Theaterstück geht es um das Leben und Schicksal des ukrainischen Dichters Wassyl Stus, der in den sechziger Jahren im Donbass lebte und dort seine Lehrtätigkeit ausübte. Nach dem Abschluss der Pädagogischen Hochschule der Stadt Stalino (heute Donezk) und dem Militärdienst unterrichtete er ukrainische Sprache und Literatur in Horlivka. Die sowjetischen Behörden betrachteten die ukrainische Sprache als „ohne Perspektive“ und verdrängten sie auf jede erdenkliche Weise aus dem Schullehrplan. Eltern von Schülern stellten oft Anträge, um ihre Kinder vom Ukrainischunterricht zu befreien. Also versuchte Wassyl Stus, seinen Unterricht interessant und attraktiv zu gestalten, indem er den Kindern Geschichten aus der ukrainischen Vergangenheit erzählte und ihnen seine eigenen Gedichte vorlas. Die Schüler haben so zumindest den Klang der ukrainischen Sprache kennengelernt und das Interesse daran nicht verloren.

„Ich glaube, dass das Schicksal des Donbass das zukünftige Schicksal der Ukraine ist, wenn es nur Nachtigallengesänge* geben wird. Wie kann man diesen besonderen „Internationalismus“ ertragen, der zum Tod einer ganzen Kulturgemeinschaft führen kann? (…) Jetzt unterrichte ich Ukrainisch in Horlivka, natürlich in einer russischen Schule. Es gibt zwei oder drei ukrainische Schulen in Horlivka. In Donezk gibt es anscheinend keine. Also, das Bild ist sehr traurig. Die Wurzeln der Nation liegen nur auf dem Land und wir werden nicht lange ein so ländliches Volk bleiben. Vergessen Sie nicht den Einfluss der Stadt, der Armee und aller anderen Kanäle der Russifizierung. Im Donbass (und nicht nur dort!) die ukrainische Sprache in einer russischen Schule zu unterrichten, ist ein Wahnsinn. Dazu muss man ein moralisches Trauma haben. Eine mündliche Einwilligung der Eltern reicht – und die Kinder lernen nicht die Sprachen der Menschen, die diese Eltern großgezogen haben. (…) Unbedingt – Deutsch, Französisch, Englisch, jede Sprache, außer einer.“ (Aus einem Brief an Andrei Malyshko, 1962)

Stus Wassyl (Foto: stus.center)
Ankündigungsplakat für „Cry of the Nation“ (Foto: O.Chabanov)

War Wassyl Stus ein Prophet, der vor 60 Jahren das Schicksal des Donbass und der Ukraine vorhergesehen hat? Ist sein dramatisches Schicksal der „Schrei der Nation?“ Stellenweise ähnelt die Aufführung einer antiken Tragödie: ein Dialog zwischen dem Helden und dem Chor. Auf der Bühne stehen neben der Hauptfigur noch sechs weitere, die bei aller Unterschiedlichkeit seltsam ineinander überzugehen scheinen. Fast alle Schauspieler spielen mehrere Rollen, weil … mir fällt es schwer, dies zu begreifen und auszusprechen …weil das Donezker Akademische Regionale Dramatheater in Mariupol von Russen zerbombt wurde und weil es nur 7 Schauspieler geschafft haben, die besetzte Stadt zu verlassen und nach Uschhorod umzuziehen, aus einer Truppe von 200 Personen.

Ist das Stück „Cry of the Nation“ alleine Wassyl Stuss gewidmet? 120 geladene Gäste, die an der Bühne sitzen. Eine Schweigeminute, dann beginnt die eigentliche Vorführung. Es gibt wenige Requisiten auf der Bühne, nur die Stimmen der Schauspieler und unheimliche Geräusche. Ein Psychologisches Drama. Jede Episode wird von Stus‘ Gedichten kommentiert. Es wurden solch wichtige Fragen wie die Stellung der ukrainischen Sprache im Osten des Landes und die Realität des Lebens im Osten in den 60er Jahren aufgeworfen. Parallelen zur heutigen Zeit waren unschwer zu erkennen. Die einzelnen Szenen wurden mit Fotos der Städte in der Donbassregion illustriert. Apropos Fotos: noch vor dem Stück konnte man in die Atmosphäre des heutigen Donbass eintauchen. Im Foyer des Transkarpatischen Regionalen Musik- und Schauspieltheaters wurde eine Fotoausstellung von Donezker Fotografen Serhij Waganow untergebracht. Die Bilder zeigen den grausamen Alltag in Kriegsregionen.

Ein Künstler werde von seinem Volk und der ganzen Welt erst dann gebraucht, wenn seine Kreativität mit dem Schrei seiner Nation verschmelze, so einst Wassyl Stus.

*Anm: Ukrainer vergleichen die ukrainische Sprache und Melodie mit dem Nachtigallengesang. Ein gutes Beispiel dafür ist der berühmte Song „Щедрик“ (engl. „Carol of the Bells“) aus der Feder des ukrainischen Komponisten Mykola Lewantovitsch, der erstmals 1901-1902 erschien.

Ausstellung von Wahanow im Foyer des Theaters (Foto: O.Chabanov)

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Florian Schmelzer

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