Für Deutschland International
Beitrag des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, für die Festschrift der Landsmannschaft Schlesien zum 100. Geburtstag von Dr. Herbert Hupka
15. August 2015
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Bundesbeauftragter Koschyk gemeinsam mit Dr. Herbert Hupka 

Anlässlich des 100. Geburtstages von Dr. Herbert Hupka verfasste der Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, für die Festschrift der Landsmannschaft Schlesien nachfolgenden Beitrag:

Bereits mit Beginn meines Engagements in landsmannschaftlichen und anderen Verbänden der deutschen Heimatvertriebenen hatte ich die Gelegenheit und das Glück, den leidenschaftlichen Anwalt für das Heimat- und Selbstbestimmungsrecht, die Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen sowie deutschen wie gleichermaßen europäischen Patrioten Dr. Herbert Hupka kennenzulernen. Bewusst und intensiv begegnete ich dem damaligen Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft Schlesien und Bundestagsabgeordneten beim Deutschlandtreffen der Schlesier 1977 in Essen, wo ich bei der Politischen Hauptkundgebung als Vertreter der jüngeren Generation sprechen durfte. Von nun an förderte Dr. Herbert Hupka mein verbandspolitisches Engagement in der Landsmannschaft Schlesien sowie im Bund der Vertriebenen. Als langjähriger Bundesvorsitzender der Schlesischen Jugend und später als Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen sowie Bundestagsabgeordneter wurde unsere Zusammenarbeit zunehmend enger, war aber niemals unkritisch, blieb aber stets konstruktiv und gestaltete sich zuletzt kollegial vertrauensvoll.

Unter seinen schlesischen und vertriebenen Landsleuten war Dr. Herbert Hupka über Jahrzehnte die unbestrittene Führungspersönlichkeit, die in den Verbänden, wo er Vorstandsämter bekleidete, in erster Linie mittels seiner ihm innewohnenden natürlichen Autorität sowohl nach innen als auch nach außen wirkte. Äußerlich mag der groß gewachsene, stets korrekt gekleidete und mit vollendeten Umgangs-formen ausgestattete Oberschlesier den meisten Betrachtern kühl und unnahbar erschienen sein; ein Bild, das durch die Berichterstattung in den Medien noch un-terstrichen wurde. Jeder, der ihn wie ich näher kennenlernen durfte, spürte jedoch von den ersten Begegnungen an eine warme Menschlichkeit, die von ihm ausging. Sie lag darin begründet, dass er bei aller Schärfe seines Verstandes im persönlichen Kontakt mit seinem Gegenüber immer zuerst den Menschen in ihm suchte und ansprach. Seine Frau Eva, eine gebürtige Münchnerin, unterstützte ihn in seinem beeindruckenden politischen Lebenswerk in bewundernswerter Weise und hatte einen entscheidenden Anteil daran.

Die tiefe Menschlichkeit Dr. Herbert Hupkas wurzelte nicht zuletzt in seiner Biographie. Er wurde am 15. August 1915 in einem britischen Internierungslager auf Ceylon geboren, wo seine Eltern als deutsche Staatsbürger von den britischen Behörden interniert worden waren. Die Internierung dauerte bis 1919. Auf dem Rückweg nach Deutschland verstarb sein Vater, so dass seine Mutter fortan allein die Aufgabe seiner Erziehung schultern musste. Zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurde er immer wieder wegen der jüdischen Abstammung seiner Mutter zurückgesetzt; trotzdem er als Soldat Dienst tat, wurde er von der Beförderung zum Offizier ausgeschlossen und ein Jahr im Wehrmachtsgefängnis Torgau inhaftiert. Seine Mutter wurde in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, das sie wie durch ein Wunder überlebte. Mit seinen eigenen Händen trug der Sohn Herbert seine von der Leidenszeit geschwächte Mutter aus diesem Ort des Grauens. Obwohl Mutter und Sohn eindeutig von den Nationalsozialisten verfolgt waren, wurde ihnen anschließend die Rückkehr ins nunmehr polnisch verwaltete Ratibor verwehrt.

Vor diesem biographischen Hintergrund verwundert es nicht, dass Dr. Herbert Hupka als Bundestagsabgeordneter, zunächst für die SPD, dann für die CDU, sowie als führender Vertreter der deutschen Heimatvertriebenen, einen besonderen Schwer-punkt seines politischen Wirkens auf die unveräußerlichen Menschenrechte und damit verbunden das Heimat- und Selbstbestimmungsrecht sowie die Volksgruppenrechte legte.

Neben seinem Bundestagsmandat (1968–1987), dem Vorsitz der Ost- und Mittel-deutschen Vereinigung der CDU (1977–1989) sowie seinen Ämtern als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien (1968–2000) und Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen (1968–1992) wurde Dr. Herbert Hupka vor allem als langjähriger Präsident des Ostdeutschen Kulturrates (1982–1999, heute Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR) zu einem der profilitiersten Vertreter der deutschen Heimatvertriebenen. Hier initiierte er nicht nur die elfbändige Studienbuchreihe „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“ sondern auch die Ausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“ sowie eine Städtebuchreihe über Königsberg, Elbing, Frankfurt/Oder, Liegnitz, Lodz, Troppau und Hermannstadt. Durch von ihm herausgegebenen Sammelwerke wie „Große Deutsche aus Schlesien“, „Leben in Schlesien“, „Meine schlesischen Jahre“ und viele weitere trug er zur Dokumentation des schlesischen Lebens vor der Vertreibung, als in Schlesien selbst der deutsche Teil der Landesgeschichte während der kommunistischen Herrschaft ignoriert und verfälscht wurde, bei.

Dadurch erfuhr auch das Eigenbewusstsein der Angehörigen der deutschen Volksgruppe in Polen eine nicht zu unterschätzende Stärkung. Natürlich lässt sich mit Blick auf die Lage der deutschen Volksgruppe in Polen auch heute noch an manchem Unzureichenden Kritik üben. Aber das darf nicht den Blick auf die dama-lige Ausgangssituation und das seitdem Geschaffene verstellen. Im kommunistisch regierten Polen wurde überhaupt bestritten – leider auch von kirchlicher Seite –, dass es eine deutsche Volksgruppe überhaupt gibt. Heute geben über 500 lebendi-ge Einrichtungen wie Begegnungsstätten und Kulturzentren sowie allerdings noch zu wenige bilinguale Kindergärten und Schulen ein lebendiges Zeugnis für die Stellung der deutschen Volksgruppe im polnischen Staat ab. Allein das Bundesministerium des Innern unterstützte die deutsche Minderheit in Polen in enger Abstimmung mit dem Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen in den Jahren 1990 bis 2014 mit rund 135 Mio. Euro. Die Förderschwerpunkte liegen dabei insbesondere in den Bereichen der Gemeinschaftsförderung, der Sprachbindungsmaßnahmen, der Jugendarbeit sowie der Wirtschaftshilfen für die Stiftung für die Entwicklung Schlesiens und Förderung lokaler Initiativen. Zusätzlich unterstützt das Auswärtige Amt im Rahmen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik schwerpunktmäßig die deutsche Sprache, Jugend, Medien und Kulturprojekte. Die Beauftragte für Kultur- und Medien fördert auf der Grundlage des § 96 Bundesvertriebenengesetz Projekte, die der Vermittlung, der wissenschaftlichen Erforschung sowie der Sicherung und dem Erhalt des kulturellen Erbes der historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete im östlichen Europa dienen.

Gerade die deutsch-polnischen Beziehungen nehmen vor dem Hintergrund der Vergangenheit einen ganz besonderen Rang ein. Ich bin froh, dass im Jahr 2015 Deutschland mit Polen und damit auch mit der deutschen Minderheit eine echte Partnerschaft verbindet. Hierzu hat Dr. Herbert Hupka maßgeblich beigetragen, in-dem er sich während seines gesamten politischen Wirkens für einen deutschpolnischen Dialog – unter Beachtung der legitimen Anliegen der Heimatvertriebenen und der in der Heimat verbliebenen deutschen Landsleute – eingesetzt hat. Sobald es politisch möglich wurde, reiste er in seine oberschlesische Heimat. So durfte ich eine denkwürdige Begegnung in Dr. Herbert Hupkas oberschlesischer Heimat stif-ten, als ich am 20. Juli 1990 den damaligen Europaabgeordneten und Internationa-len Paneuropa-Präsidenten Dr. Otto von Habsburg mit seinem engsten Mitarbeiter Bernd Posselt zu einem Besuch in Oberschlesien bewegen konnte. Auch hatte ich die Voraussetzungen geschaffen, dass der Jesuiten-Pater Johannes Leppich, ein gebürtiger Ratiborer und Schulfreund Dr. Herbert Hupkas, ebenfalls das erste Mal seit der Vertreibung seine oberschlesische Heimat besuchen konnte. Schließlich weilte auch der langjährige Abt der Benediktiner-Abtei Maria Laach, Dr. Adalbert Kurzeja, ebenfalls im Kreis Ratibor geboren, zu dieser Zeit bei seinen in Oberschle-sien verbliebenen Schwestern. Vor der Ruine von Schloss Lubowitz, dem Geburtsort und Familiensitz des großen europäischen Dichters Joseph von Eichendorff war in Absprache mit dem örtlichen Pfarrer Heinrich Rzega und den noch jungen Deutschen Freundschaftskreisen der Region ein feierlicher Gottesdienst und eine Euro-pa-Kundgebung geplant. Hierbei fand sich auch als „Überraschungsgast“ Dr. Herbert Hupka ein. Niemals werde ich wie die anderen ca. 20.000 Teilnehmer diese bewegenden Stunden vergessen, mit der feierlichen Eucharistiefeier unter der Lei-tung von Abt em. Dr. Adalbert Kurzeja, der eindrucksvollen Predigt von Pater Johannes Leppich und den Ansprachen von Dr. Otto von Habsburg, Dr. Herbert Hupka und mir. Der Liedermacher Gerd Knesel, für den ich damals zahlreiche Konzerte in Oberschlesien organisiert hatte, umrahmte mit stimmungsvollen Liedern diese Veranstaltung und bewegte die Herzen der Besucher. Von nun an entwickelte Herbert Hupka eine beeindruckende Reisediplomatie nach Oberschlesien sowie nach ganz Polen bis in die Hauptstadt Warschau. Dabei leistete er wahre Pionierarbeit im Dienste deutsch-polnischer Verständigung. Dieses segensreiche Wirken in seiner oberschlesischen Heimat, aber auch seine aktive Rolle in dem nunmehr beginnenden freiheitlich-demokratischen deutsch-polnischen Dialog hat Dr. Herbert Hupka großen Respekt und hohe Anerkennung innerhalb der deutschen Volksgruppe, aber auch bei vielen polnischen Mitbürgern eingebracht.

1998 wurde Dr. Herbert Hupka von der Stadt Ratibor, wo er seine Kindheit und Ju-gend verbracht und 1934 am Humanistischen Gymnasium das Abitur ablegt hatte, zum Ehrenbürger ernannt. Als ich im Juni 2014 zum ersten Mal in meinem Amt als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten nach Schlesien reiste, stand auf meinem Besuchsprogramm auch Ratibor. Hier war ich bei der bilingualen „Jan Brzecha“-Grundschule in Ratibor-Studen, in der ein kompetenter Lehrkörper sehr gut durch eine aufgeschlossene Stadtverwaltung und eine engagierte Mitarbeit der örtlichen deutschen Minderheit unterstützt wird. Dieses mustergültige Beispiel einer kommunalen Schule zeigt, dass Kindergärten und Schulen in Trägerschaft der deutschen Minderheit selbst, deren Zahl gegenwärtig erfreulicherweise zunimmt und die von mir als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten nachhaltig unterstützt werden, nicht der einzige Weg sind, um den verbrieften Rechten nationaler Minderheiten auf Unterricht in der Muttersprache zu entsprechen und gleichzeitig die konkreten Maßnahmen der Minderheitenpolitik so zu gestalten, dass sie nicht nur für die Minderheit selbst, sondern auch für die Mehrheitsbevölkerung ein Gewinn sind. Ich weiß sicher: Hätte Herbert Hupka die fröhlichen und unbeschwerten Kinder in dieser Schule in „seinem“ Ratibor gesehen, er hätte mit Freude und berechtigtem Stolz auf sein Lebenswerk zurückgeblickt.

Der Anlass des 100. Geburtstages von Dr. Herbert Hupka ist der gebotene Anlass, Bilanz eines eindrucksvollen politischen Lebenswerks zu ziehen. Dabei zeigt sich, dass es lange noch keine abgeschlossene Bilanz ist. Die Lebensleistung Herbert Hupkas wirkt bis heute zum Wohle der Menschen in Schlesien, in Deutschland und in Polen sowie in ganz Europa nach. Dabei ist es beglückend, dass nach den katastrophalen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts das schlesische Kulturerbe mit sei-nen deutschen, jüdischen und slawischen Ausprägungen wieder in Herbert Hupkas Heimatregion präsent ist.

Der unermüdliche politische Publizist Herbert Hupka hat dieses in seinem Buch „Schlesien lebt“, das 2006 kurz vor seinem Tod erschien, gleichermaßen treffend wie prägnant formuliert:

„Schlesien existiert als geistiger Nährboden und dank seiner kulturellen Bedeu-tung, gerade auch mit dem Blick in die Vergangenheit, aber die Gegenwart will dem nicht nachstehen. Das Wort für Schlesien heißt Präsens.“

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