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Die schlesische Heimat als Erbe, Auftrag und Verpflichtung! – Helmut Sauer zum 70. Geburtstag
24. Dezember 2015
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Die schlesische Heimat als Erbe, Auftrag und Verpflichtung! – Helmut Sauer zum 70. Geburtstag

von Hartmut Koschyk MdB, Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

Am Heiligen Abend dieses Jahres kann Helmut Sauer, 1972 bis 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages, Bundesvorsitzender der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU (OMV) seinen 70. Geburtstag feiern.

Bereits während meines Engagements in landsmannschaftlichen und anderen Verbänden der deutschen Heimatvertriebenen hatte ich während meines Studiums in Bonn die Gelegenheit und das Glück, als wissenschaftlicher Mitarbeiter den damaligen Bundestagsabgeordneten Helmut Sauer kennenzulernen, dessen Wirken stets von den Gedanken getragen war und ist, lebendige Brücken von Deutschland aus zu unseren deutschen Landsleuten, vor allem in Schlesien, aber auch in Mittel- und Osteuropa, zu erhalten. Helmut Sauer war und ist in beispielhafter Weise im Ringen um soziale Gerechtigkeit und Teilhabe stets Anwalt gerade auch der Anliegen der Heimatvertriebenen, Flüchtlinge, Aussiedler und deutschen Volksgruppen.

Helmut Sauer hat mein politisches Engagement in der Landsmannschaft Schlesien sowie im Bund der Vertriebenen, aber auch als Mitglied des Deutschen Bundestages, insbesondere als Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Vertriebene und Flüchtlinge“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag von 1990 bis 2002 und als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten seit 2014, entscheidend mitgeprägt. Als Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen sowie als Bundestagsabgeordneter habe ich stets vertrauensvoll und freundschaftlich mit ihm zusammengearbeitet und auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik sind wir im regen politischen Austausch verblieben. Unsere persönliche Verbundenheit rührt auch daher, dass sich unsere beiden Väter einmal im Geburtsort meines Vaters in Simsdorf in Oberschlesien auf einer Hochzeit begegnet sind und an dieses Kennenlernen später wieder freundschaftliche anknüpften.

Seit Jahrzehnten lebt Helmut Sauer wie kein anderer den lebendigen Brückenbau zu seiner schlesischen Heimat beispielhaft vor. Dabei wurzelt die tiefe Verbundenheit Helmut Sauers zu den Heimatvertriebenen nicht zuletzt in seiner Biographie. Die tägliche Erinnerung der Eltern an ihre schlesische Heimat und das erfahrene Leid der Vertreibung prägten Sauers Leben entscheidend.

Geboren am Heiligen Abend des Jahres 1945 auf Gut Quickendorf (Lutomierz), getauft am 3. Februar 1946 in der St.-Barbara-Kirche in Peterwitz (Stoszowice) wurde seine Familie am 28./29. April 1946 im Viehwaggon aus Schlesien vertrieben und kam am 3. Mai 1946 in die niedersächsische Gemeinde Lengede.

Schon in jungen Jahren wurde im Elternhaus von Helmut Sauer der Grundstein für sein späteres politisches Engagement für die Heimatvertriebenen gelegt. Seine Eltern haben 1950 die Ortsgruppe des BHE (Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten) in Lengede mitbegründet. Als Ratsherr des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), tat Vater Alfons Sauer alles für die Flüchtlinge, füllte ihre Anträge aus, organisierte Treffen, sorgte für Essen, Zimmer, Ferienverschickung. Seitens der mütterlichen Verwandtschaft haben der vormalige Oberpräsident von Oberschlesien Dr. Hans Lukaschek, der aus dem Konzentrationslager Ravensbrück befreit wurde und der in Bonn bereits das Amt des Bundesvertriebenenministers inne hatte, sowie der ehemalige Reichstagsabgeordnete Domherr Prälat Carl Ulitzka aus Ratibor, der das Konzentrationslager Dachau überlebte, die CDU in Berlin mitgegründet.

Als aktives Chormitglied sang Helmut Sauer bereits als Schüler am liebsten schlesische Messen und Lieder. Am 24. Dezember als „Schlesisches Christkind“ geboren hatte für ihn und seine Familie zu Weihnachten die Christkindlmesse des schlesischen Kirchenmusikers und Komponisten Ignaz Reimann eine ganz besondere Bedeutung.

Nach seiner Schulausbildung im Collegium Josephinum Bonn, einer Schule des Redemptoristenordens, machte Helmut Sauer eine Ausbildung zum Kaufmann der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft bei der Wohnungs-AG Lebenstedt und trat bereits 1965 mit 20 Jahren in die CDU ein. Der politische Einsatz von Helmut Sauer für die Anliegen der Heimatvertriebenen, Flüchtlinge, Aussiedler und deutschen Volksgruppen nahm seinen Anfang. Mit dem Stadtjugendring Salzgitter war Helmut Sauer mit 22 Jahren erstmals 1967 in Schlesien. Nach seiner Wahl zum CDU-Kreisvorsitzenden von Salzgitter im Jahr 1971 und zum Ratsherrn der Stadt Salzgitter im Jahr 1972 wurde Helmut Sauer im gleichen Jahr als damals jüngster Abgeordneter in den Deutschen Bundestag gewählt.

Vor seinem biographischen Hintergrund verwundert es nicht, dass Helmut Sauer als Bundestagsabgeordneter für die CDU einen besonderen Schwerpunkt seines politischen Wirkens auf die unveräußerlichen Menschenrechte und damit verbunden das Heimat- und Selbstbestimmungsrecht sowie die Volksgruppenrechte legte.

Als Abgeordneter des Deutschen Bundestages (1972-1994) und Mitglied des NATO-Parlamentes (1976-1995) hat sich Helmut Sauer erfolgreich dafür eingesetzt, auch die von der Politik, den Medien und den Schulen oft tabuisierte Opfergruppe der Heimatvertriebenen und die Probleme der in unserer Heimat verbliebenen Landsleute „auf die Tagesordnung“ der Ausschüsse und des Plenums setzen zu lassen. Als Mitglied des innerdeutschen Ausschusses des Deutschen Bundestages setzte er bei Themen wie Zonenrandförderung, Menschenrechtssituation in der DDR und Bewahrung des deutschen Einheitsgedankens besondere Akzente. Im Unterauschuss für humanitäre Hilfe und Menschenrechte war er weltweit im Sinne praktizierter christlicher Nächstenliebe für bedrängte Völker und Volksgruppen unterwegs.

Im Laufe seiner Zugehörigkeit zum Deutschen Bundestag hat Helmut Sauer vielfach zum deutsch-polnischen Verhältnis Stellung bezogen. Immer hat er sich dabei leiten lassen vom Geist der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“, in der auf Rache und Vergeltung verzichtet, der Weg zu einem geeinten Europa, in dem alle Menschen ohne Furcht und Zwang leben sollen, aufgezeigt und die Verwirklichung des Rechtes auf die Heimat und die Durchsetzung aller Menschenrechte verlangt wird. In diesem Bemühen hat er stets um eine gerechte Lösung für alle beteiligten Volksgruppen gestritten.

In seiner abgegebenen Erklärung zum Einigungsvertrag im Deutschen Bundestag am 20. September 1990 nannte er als Grund für seine Zustimmung, die „Vereinigung West- und Mitteldeutschlands“ nicht behindern zu wollen. Dabei hatte Sauer wegen der damit verbundenen Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze der Hoffnung Ausdruck gegeben, „dass im deutsch-polnischen Bereich mit neuen Verantwortlichen in Warschau in europäischer Zielrichtung und auf dem Fundament von Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit für alle beteiligten Volksgruppen Lösungsmöglichkeiten gesucht, erarbeitet und durchgesetzt werden“.

Am 17. Oktober 1991 stimmte Helmut Sauer im Deutschen Bundestag gegen den Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über die Bestätigung der zwischen ihnen bestehenden Grenze. In einer im Deutschen Bundestag abgegebenen schriftlichen Erklärung vermerkte Helmut Sauer dazu: „Da der zustimmende Mehrheitswille des Bundestages zu diesem Vertragswerk bekannt ist, werde ich nach dem Zustandekommen der Verträge diese respektierend, meine Arbeit für eine Verbesserung des deutsch-polnischen Verhältnisses im allgemeinen, für eine bessere Lebensqualität unserer deutschen Landsleute daheim und für die nicht gelösten Anliegen meiner heimatvertriebenen Landsleute fortsetzen.“

Drei Jahre später hat auf die Initiative von Helmut Sauer hin der Deutsche Bundestag am 23. Juni 1994 einstimmig festgestellt: „Vertreibung jeder Art ist international zu ächten und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden. Wer vertrieben wurde, hat Anspruch auf die Anerkennung seiner Rechte.“

Neben seinem Bundestagsmandat setzte sich Helmut Sauer ab 1975 zunächst als Beisitzer, ab 1977 als stellvertretender Bundesvorsitzender und ab 1989 als Bundevorsitzender der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU (OMV) für die Heimatvertriebenen, Flüchtlinge, Aussiedler und deutschen Volksgruppen ein. Ab 1979 war er Landesvorsitzender der OMV der CDU in Niedersachsen, seit 1982 Landesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, Landesgruppe Niedersachsen im Bund der Vertriebenen (BdV), und von 1984-1992 Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen. Über die Visitatur Breslau war er lange Jahre Mitglied im Katholischen Flüchtlingsrat und Mitglied im Schlesischen Priesterwerk/West-Ost-Forum.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag hat sich Helmut Sauer als Bundesvorsitzender der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU und von 2000-2014 erneut als Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen unermüdlich dafür eingesetzt, dass in unserem Land ein geschärftes Bewusstsein für die tiefen Wunden entstanden ist, die durch Vertreibungen geschlagen wurden. Durch sein Handeln hat er die Herzen vieler Landsleute erreicht und sein Einsatz für sie hat Maßstäbe gesetzt.

Helmut Sauer hat entscheidenden Anteil daran, dass heute über 500 lebendige Einrichtungen wie Begegnungsstätten und Kulturzentren sowie allerdings noch zu wenige bilinguale Kindergärten und Schulen ein lebendiges Zeugnis für die Stellung der deutschen Volksgruppe im polnischen Staat abgeben. Gerade die deutsch-polnischen Beziehungen im Geiste von historischer Wahrhaftigkeit und christlich-jüdisch europäischem Geist sind ihm ein Herzensanliegen. Stets ist Helmut Sauer in den deutsch-polnischen Beziehungen für die Beachtung der legitimen Anliegen der Heimatvertriebenen und der in der Heimat verbliebenen deutschen Landsleute eingetreten. Unzählige Besuche in Schlesien, aber auch vielfältige politische Begegnungen mit Repräsentanten des polnischen Volkes bezeugen dies.

Zu Recht wurde er auch für seinen Einsatz für die Heimatvertriebenen und unsere in der angestammten Heimat verbliebenen deutschen Landsleute 1981 mit der Goldenen Ehrennadel des Bundes der Vertriebenen, 1987 mit dem Bundesverdienstkreuz, 1994 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1999 mit dem Schlesier-Kreuz der Landsmannschaft Schlesien und 2006 mit der Kardinal-Bertram-Medaille der Apostolischen Visitatur Breslau geehrt.

Welch große Wertschätzung Helmut Sauer von unseren deutschen Landsleuten insbesondere in Schlesien entgegengebracht wird belegt eindrucksvoll eine Begebenheit, die sich am 24. Mai 2009 zugetragen hat, als Helmut Sauer in Peterwitz, Kreis Frankenstein (Stoszowice, Powiat Ząbkowicki), in seiner Taufkirche St. Barbara an der Verabschiedung des langjährigen Ortspfarrers Antoni Warzybok und der Amtseinführung dessen Nachfolgers Marian Maluk teilnahm. Plötzlich stand völlig überraschend Helmut Sauer im Mittelpunkt. Der Schweidnitzer Bischof Prof. Dr. Ignacy Dec betonte, dass er Sauer schon seit seiner Zeit als Dekan der Theologischen Fakultät in Breslau kenne und von seinen persönlichen Hilfen, aber auch von der Vermittlung deutscher Regierungsfinanzhilfen nach Schlesien aus Freundes- und Kirchenkreisen wisse. Bischof Dec damals wörtlich: „Helmut Sauer, Sie sind seit Jahren ein selbstloser und uneigennütziger Brückenbauer zwischen unseren Völkern, Sie sichern die Verbindung, die Versöhnung, die Freundschaft, die Begegnungen. Wir erbitten Ihre weiteren Hilfen und Fürsprache bei den Regierungsstellen in Berlin und Brüssel. Als einer der gewählten Sprecher der in Deutschland lebenden Schlesier bezeugen Sie Heimatliebe. Glaube und Heimat sind wichtige Werte im Leben eines Christen.“ Als äußere Ehrung steckte Bischof Dec ein Duplikat seines Bischofsringes an die Hand von Helmut Sauer. Spontan standen ergriffen die Kirchenbesucher, die den Geehrten durch Gottesdienstbesuche im Frühjahr, Sommer Herbst und Winter zumeist kannten, auf und zollten Helmut Sauer Beifall.

Der 70. Geburtstag von Helmut Sauer ist der gebotene Anlass, Bilanz eines eindrucksvollen politischen Lebenswerks zu ziehen. Dabei zeigt sich, dass dieses noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Lebensleistung Helmut Sauer wirkt bis heute zum Wohle der Menschen, in Deutschland, in Schlesien und in Polen sowie in ganz Europa nach. Dabei ist es beglückend, dass nach den katastrophalen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts das schlesische Kulturerbe mit seinen deutschen, jüdischen und slawischen Ausprägungen wieder in Helmut Sauers Heimatregion präsent ist.

Zum 70. Geburtstag wünsche ich Helmut Sauer in freundschaftlicher Verbundenheit ein herzliches „Schlesien Glück auf!“, verbunden mit der Hoffnung, dass er noch viele Jahre für die Anliegen der Heimatvertriebenen, Flüchtlinge, Aussiedler und deutschen Volksgruppen tätig sein kann.

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