Für Deutschland International
Koschyk mahnt würdevollen Umgang mit Dr. Herbert Czaja an!
15. April 2015
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Festakt zum 40. Jahrestag der Verkündung der Charta der Deutschen Heimatvertriebenen am 5. August 1990 in Stuttgart

Auf Bitte der Familie Czaja bemüht sich die deutsche Minderheit in der Woiwodschaft Schlesien um eine Gedenktafel für den verstorbenen langjährigen Präsidenten des Bundes der Vertriebenen, Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Oberschlesier, Bundestagsabgeordneten und Gründer der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Dr. Herbert Czaja. Die Gedenktafel sollte an der Fassade des Vaterhauses von Czaja in Skotschau angebracht werden, in dem sich jetzt eine Schule befindet. Auf dieser sollte stehen, dass Herbert Czaja im besagten Haus lebte und dass er sich um die deutsch-polnische Verständigung verdient gemacht habe. Die Initiative traf auf Widerspruch bei Behörden. Aber auch die Zeitung der Woiwodschaft, der „Dziennik Zachodni“ bezog Stellung und sagte in einem Artikel Dr. Herbert Czaja eine Nähe zum Nationalsozialismus nach.

Anlässlich der öffentlichen Diskussion zur Person Dr. Herbert Czaja befragte die „Oberschlesische Stimme“ den Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, der einen würdevollen Umgang mit Dr. Herbert Czaja anmahnt. Koschyk war von 1987 bis 1991 Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen und arbeitete in dieser Zeit eng mit dem damaligen BdV-Präsidenten Dr. Herbert Czaja zusammen.

Stimmt es, dass sie sich 1990 von Herbert Czaja distanzierten?

Ich hatte eine Diskussion Anfang der 90er-Jahre, wie sich der BdV auf die politische Situation mit Polen einlassen sollte. Ich habe damals sehr dafür geworben, den Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrag positiv zu sehen und vor allem das prozesshafte, das im deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag sowohl für das bilaterale Verhältnis als auch für die deutsche Minderheit in Polen angelegt war, zu würdigen und sich in diesen Prozess einzubringen. Herbert Czaja war damals anderer Meinung und hat stärker die aus seiner Sicht nicht voll befriedigenden minderheitenrechtlichen Bestandteile des Nachbarschaftsvertrages gesehen. Aber das ändert nichts daran, dass Herbert Czaja eine große deutsche Nachkriegspersönlichkeit gewesen ist, ein sehr in europäischen Dimensionen denkender Präsident des Bundes der Vertrieben, der gerade in diesen übernationalen eher europäischen Denken seiner Zeit oftmals weit voraus gewesen ist.

Sie sprechen von einer Diskussion, also gibt es kein Dokument oder einen Brief, den der Vizewoiwode vorweisen könnte?

Wir hatten eine offene pluralistische Diskussion im BdV. Ich war einmal Generalsekretär im BdV, Herbert Czaja war Präsident. Ich habe den deutschpolnischen Nachbarschaftsvertrag, der sich im nächsten Jahr zum 25. Mal jährt, positiv gewertet, als es Czaja damals nicht getan hat. Es war eine Diskussion, die sich nicht nur auf mich und Herbert Czaja bezogen hat. Es gab auch andere Persönlichkeiten im Bereich des BdV, die eher meiner Auffassung zugeneigt waren und in einem demokratischen Verband in einer pluralistischen Gesellschaft muss es unterschiedliche Meinungen geben. Dass ändert ja nicht daran, dass ich die Verdienste von Herbert Czaja immer gewürdigt habe. Ich habe ja selbst zu seinem 100. Geburtstag einen Namensartikel veröffentlicht, wo es mir wirklich sehr darauf angekommen ist, dieses proeuropäische Denken, seine interkulturelle Prägung und auch sein Bemühen um ein deutschpolnisches Miteinander, einen deutschpolnischen Ausgleich zu würdigen.

Wenn ich die polnische Seite befrage, dann berufen sie sich auf Dokumente aus dem Jahre 1973. Vizewoiwode Spyra sagt, dass Herbert Czaja zwar kein Nationalsozialist war, aber ein Nazibeamter.

Ich kenne diese Dokumente nicht und ich habe bei Herbert Czaja immer sehr deutlich gespürt, dass er vor allem aus seinem christlichen, religiösen Selbstverständnis jede Form des Nationalsozialismus abgelehnt hat und deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass er in einer persönlichen Verstrickung mit dem nationalsozialistischen Regime gestanden hat. Dass hat seiner Überzeugungen zu tiefst widersprochen, und wenn man sich den gesamten Lebensweg von Herbert Czaja auch in der Bundesrepublik Deutschland ansieht, dann glaube ich, muss man sein gesamtes Lebenswerk angemessen würdigen und sollte nicht nach seinem Tod und nachdem er sich nicht mehr verteidigen kann ihm hier im nachhinein eine nationalsozialistische Verstrickung andichten, die meiner Einschätzung nach nicht bestanden hat.

Die Sache dreht sich darum, dass die Familie Czaja und auch die deutsche Minderheit eine Tafel am Gebäude der heutigen Schule anbringen möchte. Und die polnische Seite sagt ein deutliches Nein zu dieser Form der Anerkennung.

Es wurde auch gesagt, dass Czaja nicht zur deutsch-polnischen Verständigung beigetragen hätte. Das halte ich für ein sehr hartes Urteil, dass Herbert Czaja nicht gerecht wird, und ich sage nochmals, es ist jemand der viel für die deutsche Nachkriegsentwicklung auf unterschiedlichen Politikfeldern getan hat, der auch während der Zeit der kommunistischen Diktatur mit Vertretern christlicher Bewegungen in Polen im Dialog gestanden hat. Ich würde mich freuen, wenn man versucht, sich auch von polnischer Seite der Person Czaja doch etwas positiver zu nähren und nicht nur Stereotypen folgt, die vor allem durch die kommunistische Propaganda in Polen sowohl gegenüber Herbert Czaja als auch gegenüber Herbert Hupka über Jahre gepflegt worden sind. Vielleicht schafft man es einmal, dass sich Kenner des Lebensweges von Herbert Czaja zusammensetzen und versuchen, diesen Lebensweg in seiner Gesamtheit zu erfassen und auch zu einer Gesamtbewertung dieses Lebensweges zu kommen?

Zum Artikel in der „Oberschlesischen Stimme“ mit dem Interview mit Bundesbeauftragten Koschyk gelangen Sie hier

Zum Namensartikel von Bundesbeauftragten Koschyk zum 100. Geburtstag von Dr. Herbert Czaja gelangen Sie hier.

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