Für Deutschland
Podiumsdiskussion der Deutschen Gesellschaft e.V. unter dem Titel „25 Jahre Wiedervereinigung-Ein Grund zum Feiern, Erinnern und Vorausschauen“
28. September 2015
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25 Jahre deutsche Einheit: Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Sylvia Kabus (1989/90 Mitarbeit in der Leipziger Bürger- und Frauenbewegung, Mitglied des Runden Tisches der Stadt Leipzig), derBayreuther Bundestagsabgeordnete und Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk (r.) und Stephan Sohr (Stellv. Chefredakteur der „Nürnberger Zeitung“ und Leiter der Bayernredaktion NZ) zogen eine Bilanz © Foto: Eduard Weigert

Im Tucherschloss Nürnberg fand eine Podiumsdiskussion der Deutschen Gesellschaft e.V. unter dem Titel „25 Jahre Wiedervereinigung-Ein Grund zum Feiern, Erinnern und Vorausschauen“ statt. Anwesend war auch der Bayreuther Bundestagsabgeordnete, Bundesbeauftragter Hartmut Koschyk MdB, der stellvertretende Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft e.V. ist.

Die Nürnberger Zeitung berichtetet über die Podiumsdiskussion wie folgt:

Auch die Nürnberger waren im Einheits-Rausch – Zeitzeugen erinnern sich an den historischen Umbruch vor 25 Jahren

NÜRNBERG – Am 3. Oktober wird die Deutsche Einheit 25 Jahre alt. Was hat sie gebracht? Die NZ blickt in einer Serie auf die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes zurück. Dabei kommen auch Zeitzeugen zu Wort und schildern, wie sie ganz persönlich deutsch-deutsche Geschichte erlebt haben.

Wenn Nürnbergs Bürgermeister Klemens Gsell (CSU) an die Wiedervereinigung zurückdenkt, hat er viele Bilder im Kopf: Besucherscharen in der Innenstadt, überall Trabis, Begegnungen, Freude, Euphorie. Eine vergleichbare Atmosphäre habe in Nürnberg allenfalls 2006 bei der Fußball-WM geherrscht. Gsell eröffnete mit einem Grußwort die Podiumsdiskussion im Hirsvogelsaal anlässlich der Veranstaltungsreihe „Geschichten der Deutschen Einheit“, initiiert von der Deutschen Gesellschaft e.V., zu der 100 Interessierte gekommen waren.

Schon 1990 war Gsell im Stadtrat und bekam hautnah die Veränderungen mit: die anfangs steigenden Touristenzahlen, die Goldgräberstimmung bei hiesigen Firmen, die in den neuen Bundesländern ihre Zukunft sahen. Die Zuversicht, dass Nürnberg wieder das Zentrum der Handelsachsen Europas würde. Aber auch die negativen Auswüchse waren spürbar: der Verkehrsinfarkt rund um die Stadt, manch eine Pleite von Nürnberger Unternehmern und Fehlspekulationen im Osten. Gleichwohl hätten die Vorteile überwogen, so der Bürgermeister. Er bilanziert: „Schön, dass es die Einheit gab.“ Das dürfte auf dem Podium Konsens gewesen sein. Auch wenn Christian Schwarz-Schilling, ehemaliger Bundespostminister, wegen Krankheit absagen musste, waren mit dem Bayreuther CSU-Bundestagsabgeordneten Hartmut Koschyk und der Journalistin und ehemaligen Bürgerrechtlerin in der DDR, Sylvia Kabus, zwei Zeitzeugen vertreten, die den Einigungsprozess sehr gut aus dem Ost- und West-Blickwinkel beschreiben konnten. Moderator Stephan Sohr (stellvertretender Chefredakteur der Nürnberger Zeitung) bat die Redner, „das tranceartige Jahr“ vom Mauerfall am 8. November 1989 bis zur offiziellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 Revue passieren zu lassen.

Die heute 63-jährige Sylvia Kabus, die als Buchautorin in der DDR angeeckt war, stand als Mitglied der Bürgerrechtsbewegung und später des Runden Tisches in Leipzig bei dem Einheitsprozess an vorderster Front. Nach der Maueröffnung sei sie in Leipzig geblieben und nicht gleich verreist. „Es war eine spannende Zeit“, resümiert die Publizistin, die Montag für Montag mit Zehntausenden an den Friedensdemonstrationen teilgenommen hatte.

Aufgabe des Runden Tisches war es unter anderem, eine neue Stadtverwaltung zu etablieren und „alles zu regeln – von der Kita bis zur Müllabfuhr“, so Kabus. Auch galt es, SED-Eigentum den Bürgern zurückzugeben. Sie erinnert sich an „14-Stunden-Tage, zwei Jahre lang und keinen Pfennig Geld dafür“. Es sei ein „kräftezehrender politischer Kampf gewesen und schwere Verwaltungsarbeit“. Die Journalistin, die heute auch für den Mitteldeutschen Rundfunk tätig ist, beschreibt neben einem Gefühl von Aufbruch auch eine zum Teil depressive Stimmung bei den Menschen im Osten, die unter dem Regime gelitten oder in Haft gesessen hatten. Viele seien bis heute traumatisiert.

Vor diesem Hintergrund betrachtet es Hartmut Koschyk, der sich in Enquete-Kommissionen mit der Aufarbeitung und den Folgen der SED-Diktatur befasst hat, im Nachhinein als gut, dass die Einigung schnell vonstatten ging und rasch demokratische Strukturen geschaffen wurden. Dass Wolfgang Schäuble „in kürzester Zeit“ den Einigungsvertrag auf den Weg brachte, sieht der CSU-Politiker positiv. Schließlich musste man die internationale Situation nutzen, solange sie in Moskau noch günstig war.

Neben Schäuble und Theo Waigel (CSU), der die Wirtschafts- und Währungsunion vorantrieb, möchte Koschyk nicht so gern Namen nennen, wem der Erfolg beim Einigungsprozess gebührt. Nur so viel: „Die Einheit war das Werk vieler.“ Auf westlicher Seite seien „politische Profis“ und im Osten die im März 1990 gewählte erste freie Volkskammer federführend gewesen, die unter anderem aus Pfarrern und Naturwissenschaftlern bestand.

Sylvia Kabus ging der ganze Prozess zu schnell. „Die Leute im Osten fühlten sich nicht vertreten beim Einigungsvertrag.“ „Blitzartig“ sei dem Osten das Grundgesetz „aufgestülpt“ worden. Auch dass es zu einem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik kam und nicht zu einer gemeinsamen neuen Verfassung, sieht die Bürgerrechtlerin kritisch. Ebenso den wirtschaftlichen Ausverkauf der DDR. Dass ganze Branchen und Produkte verschwunden sind, bedauert Kabus und nennt die Damastwebereien in der Oberlausitz, die vielen Frauen eine Arbeit gesichert hatten, dann aber „plattgemacht wurden“.

„Wie vereinigt sind wir heute? Ist die deutsche Einheit noch ein Thema oder gelebte Normalität?“, will Moderator Sohr wissen. „Die Menschen im Osten wollen ihre Freiheit nicht mehr missen“, sagt Sylvia Kabus. Sie selbst lebt seit Jahren in München und glaubt, dass dies geholfen hat, Klischees und Vorurteile abzubauen. Koschyk sieht die deutsche Einheit als ein Stück Biografie. Für seine Kinder, die 1987, 1989 und 1990 geboren wurden, sei sie ein Teil der Geschichte und Normalität. „Es ist nicht selbstverständlich, was wir in 25 Jahren erreicht haben“, bilanziert der Politiker. Aber das Geschaffte sollte Mut, Kraft und Zuversicht im Hinblick auf die neuen Aufgaben geben, die Deutschland in Sachen Flüchtlingswelle zu bewältigen habe.

Kabus findet hier deutliche Worte: Auch die USA sollten angesichts des Massenexodus Hunderttausende Flüchtlinge aufnehmen und Europa endlich auf Augenhöhe begegnen.

Susanne Stemmler

Zum Artikel auf nordbayern.de gelangen Sie hier.

Zur Internet-Seite der Deutschen Gesellschaft e.V. mit weiterführenden Informationen gelangen Sie hier.

 

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