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Deutsch-Koreanisches Forum – Arbeitsgruppe „Duale Berufsausbildung als Feld deutsch-koreanischer Zusammenarbeit in der Zeit der 4. Industriellen Revolution“
26. Oktober 2018
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Von Sebastian Rösner, Leitung EU & Europa, Deutsche Gesellschaft e.V.

Zu Beginn der Impulsbeiträge unternahm Barbara Zollmann, Geschäftsführerin der Außenhandelskammer (AHK) Korea, einen Vergleich zwischen dem deutschen und koreanischen Bildungssystem. Demnach gäbe es in Deutschland ein gleichberechtigtes System aus Studium und Ausbildung. Läge, so Zollmann, die Belegung beider Bildungswege in Deutschland jeweils um die 50%, entschieden sich in Korea mehr als 70% der Jugendlichen für ein Studium. Dieser Unterschied veranlasst zur Frage, wo die Zukunft beim Thema Berufsausbildung vor dem Hintergrund der Industrie 4.0 liegt? Und warum sollte die Möglichkeit einer dualen Ausbildung eine für Korea interessante Option sein?

In ihrem Impulsreferat stellte Heike Baehrens MdB und stellv. Vorsitzende der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe, folgende Thesen auf:

  1. Die duale Berufsausbildung, sei, so Baehrens, ein Erfolgsmodell. Die Hauptgründe liegen in der Durchlässigkeit des Ausbildungsweges von der berufsorientierten Ausbildung bis hin zum Studium sowie in den unterschiedlichen weiteren Karrierechancen für die Absolventinnen und Absolventen.
  2. Ein wesentlicher Grund für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland (zwischen 6-7 %) sei der duale Charakter der Ausbildung. Ca. 50 % der Schulabgänger beginnen eine duale Ausbildung, die sie zu 2/3 der Zeit im Betrieb und zu einem Drittel in der (Berufs-) Schule verbringen. Die Regelausbildungszeit betrage in diesem Modell 2-3,5 Jahre. Aktuell läge, so Baehrens, die Übernahmequote in den Ausbildungsbetrieben bei 68%. Mit der dualen Ausbildung stünden den Jugendlichen mehr als 300 anerkannte Ausbildungsberufe offen.
  3. Die duale Ausbildung sei ein sehr komplexes Zusammenspiel von Verantwortlichkeiten, die Baehrens bei den folgenden Akteuren ansiedelte: Bund (z.B. Ausbildungsverordnungen, Regelung des betrieblichen Teils der Ausbildung, Dauer und Mindestanforderungen sowie bundesstaatliche Regelung der Prüfungsregelungen, Länder (Rahmenlehrpläne, Finanzierung der Lehrkräfte, Gebäude und Inventar aus den Städten und Kreisen), Sozialpartner (Tarifautonomie zwischen Arbeitgeberseite und Gewerkschaften, Ausbildungsordnung in Anlehnung an Qualifikationsbedarf der Wirtschaft) sowie nicht zuletzt den Kammern (z.B. Handwerkskammer oder Industrie- und Handelskammer als Selbstverwaltungsorgane der Wirtschaft).

Kyu-Sang Cho, CEO von Daimler Truck Korea ergänzte diesen Bericht durch die Vorstellung des best-practice-Beispiels seiner Firma. In Zusammenarbeit mit der AHK Korea vertritt Cho eines von vier Unternehmen, das die duale Ausbildung aus Deutschland umsetzt. Diese Entscheidung, so Cho, sei mit Blick auf die besonderen Herausforderungen der koreanischen Wirtschaft getroffen worden. Wie bereits dargestellt, ergreifen die allermeisten Schulabgänger in Korea ein Studium. Gleichzeitig sei die Jugendarbeitslosigkeit in Korea sehr hoch. Insbesondere fehlen Fachkräfte, so auch in der Autobranche. Daimler Truck Korea finde nur wenige passende Arbeitskräfte. Ein Hauptgrund sei, so Cho, dass die Gesellschaft Ausbildungsberufe sehr gering schätze und insbesondere bei handwerklichen Berufen jegliche soziale Anerkennung fehle. Bevorzugt sei – trotz der Gefahr der späteren Arbeitslosigkeit nach Abschluss des Studiums – ein Bürojob in einem Großkonzern (und nicht etwa in einem mittelständischen Unternehmen). Auch der Geburtenrückgang und die Alterung der koreanischen Gesellschaft stellen weitere zentrale Herausforderungen dar.

Cho betonte, dass insbesondere mit der 4. Industriellen Revolution Hoffnungen auf eine höhere gesellschaftliche Anerkennung von Ausbildungsberufen verbunden seien. Es bestünde ein hoher Investitionsbedarf in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften. Gleichzeitig erfordere die Industrie 4.0 neue Kompetenz- und Tätigkeitsfelder, die die Jobs komplexer und damit attraktiver machen könnten.

Die bei Daimler Truck Korea und den anderen an dem Ausbildungsprojekt der AHK Korea beteiligten Ausbildungsfirmen vermitteln 70% der Ausbildungsinhalte über praktische Trainings in Betrieben, 30% seien aus dem Bereich der theoretischen Weiterbildung an ausgewählten Colleges. Die Lehrinhalte im Betrieb und in den Berufsschulen sind auf dem deutschen Curriculum aufgebaut und an die koreanische Arbeitsrealität angepasst.

Das Modellprojekt startete im September 2017 mit 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, bereits ein Jahr später schlugen 117 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diesen Ausbildungsweg ein. AHK Korea unterstützte, so Cho, als Koordinatorin, Beraterin für die Betriebe und im Bereich der Qualitätskontrolle. Zentrales Ziel der Ausbildung sei, so Cho, die Gewinnung und das Halten von Fachkräften. Viele Ausbildungsberufe hätten sich mit der Zeit weiterentwickelt zu „new collar“ (in Abgrenzung zur bisherigen Unterscheidung von „blue“ und „white collar“) und somit stark an Attraktivität gewonnen. Die 4. Industrielle Revolution trage mit ihren gestiegenen Anforderungen an die Kenntnisse und Flexibilität der Arbeitskräfte hierzu besonders bei.

Die 4. Industrielle Revolution böte mit seinen gestiegenen Anforderungen an die Kenntnisse und Flexibilität der Arbeitskräfte hierzu besondere Möglichkeiten.

Die Arbeitsgruppe war sich in dem Befund einig, dass es in der koreanischen Wirtschaft ein „mismatch“ gebe – der hohen Jugendarbeitslosigkeit stünde ein erhöhter Bedarf an Fachkräften entgegen. Die duale Ausbildung könnte ein wichtiger Schlüssel sein. Wichtige Voraussetzung sei jedoch eine breite gesellschaftliche Diskussion in Korea über die Bewertung und soziale Anerkennung von Ausbildungsberufen. Hier sieht die Arbeitsgruppe von staatlicher Seite erheblichen Handlungsbedarf – z.B. in Form eines „nationalen Bildungspakts“ unter Einschluss aller relevanten politischen und gesellschaftlichen Akteure. Bestehende Förderprogramme müssen ausgebaut und durch neue Austauschmöglichkeiten für Auszubildende zwischen Korea und Deutschland ergänzt werden. Wichtig sei jedoch auch, dass in der Entwicklung von dualen Ausbildungsmöglichkeiten in Korea von Beginn an auch Berufe im sozialen oder im Dienstleistungsbereich berücksichtigt werden.

Die Forderungen und Handlungsempfehlungen der Arbeitsgruppe werden im Detail an anderer Stelle aufgeführt.

Weiterführende Informationen zum Deutsch-Koreanischen Juniorforum finden Sie hier.

Weiterführende Informationen zum Deutsch-Koreanischen Forum finden Sie hier.

 

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