International
Festgottesdienst zum 750jährigen Bestehen der evangelisch-lutherischen St. Christophori-Kirche in Breslau / Wrocław
10. September 2017
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Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, nimmt an den Jubiläumsfeierlichkeiten zum 750-jährigen Bestehen der evangelisch-lutherischen St. Christophori-Kirche in Breslau teil und hat die Einladung gerne angenommen, im Rahmen des Hauptgottesdienstes mit Waldemar Pytel, Bischof der Diözese Breslau der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, ein Grußwort zu sprechen.

Grußwort von Bundesbeauftragten Koschyk anlässlich des Festgottesdienstes zum 750jährigen Bestehen der evangelisch-lutherischen St. Christophori-Kirche:

Es ist mir eine besondere Freude und Ehre, mit Ihnen allen gemeinsam den Festgottesdienst zum 750jährigen Bestehen der St. Christophori-Kirche hier in Breslau zu feiern. In meiner Tätigkeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten konnte ich in unzähligen Begegnungen mit Geistlichen und Gläubigen erfahren, dass der christliche Glauben für viele Angehörige der deutschen Minderheiten eine das Leben tragende Bedeutung hat. Deshalb habe ich sehr gerne die herzliche Einladung von Ihnen, lieber Probst Fober, angenommen.

Dabei ist Dreh- und Angelpunkt meiner Tätigkeit die tiefe Überzeugung, dass das „Menschsein“ wesentlich geprägt wird durch das ausgewogene Zusammenwirken von „Heimat – Identität und Glaube“. Diese drei Töne ergänzen sich gegenseitig fruchtbar und bilden damit einen harmonischen Dreiklang. Fehlt auch nur einer, so klingen die Laute nicht mehr harmonisch zusammen.

Bereits im Jahr 1980 hat der große Sohn des polnischen Volkes, Papst Johannes Paul II., bei seinem Pastoralbesuch in Deutschland dazu ausgeführt:

„Über den Wert des Menschen entscheidet letzten Endes das, was er ist und nicht das, was er hat. Und wenn der Mensch seine Würde, seinen Glauben und sein nationales Bewusstsein nur deshalb aufgibt, um mehr zu besitzen, dann muss diese Haltung schließlich zu einer Selbstverachtung führen. Ein Mensch dagegen, der sich seiner Identität, die aus seinem Glauben fließt, aus der christlichen Kultur seiner Väter und Ahnen, bewusst ist, be-wahrt seine Würde, wird von den Menschen geachtet und wird zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft, in der er lebt.“

Der darin mitklingende Dreiklang von „Heimat – Identität und Glaube“ findet hier in dieser wunderschönen, alten Kirche und inmitten dieser lebendigen Gemeinde seinen – mir sehr imponierenden – Ausdruck.

Bereits von weitem hinterlässt der gotische Bau einen besonderen Eindruck. Er verleiht dem Stadtviertel und vielleicht sogar der Stadt Breslau Unverwechselbarkeit, Schönheit und Anziehungskraft. Die Kirche ist aber weit mehr als nur ein Bauwerk. Sie ist ein Dokument spannender und wichtiger kirchengeschichtlicher Entwicklungen seit dem Jahre 1267, in dem an dieser Stelle eine der Maria von Ägypten geweihte Friedhofskapelle errichtet wurde. Um 1410 wurde die Kapelle im gotischen Stil zu einer Kirche ausgebaut und das neue Kirchengebäude dem heiligen Christophorus geweiht. Ich muss gestehen, dass ich dessen Legende sehr berührend finde und hier kurz mit Ihnen teilen möchte. Die Legende vom heiligen Christophorus handelt vom Riesen Offerus, der Gottes Willen entsprechend viele Menschen durch die tiefe Furt eines Flusses trug. Eines Tages trug er auch ein Kind auf seinen Schultern, das sich schließlich als unser Heiland offenbarte. Weil Offerus mit Christus auch dessen schwere Last (nämlich die der ganzen Welt!) getragen hatte, durfte er fortan „Christofferus“ heißen.

Die Reformation trat in Breslau sehr früh auf. Bereits im Jahr 1523 hat Pfarrer Dr. Jan Hess den ersten evangelischen Gottesdienst in der Stadthauptkirche St. Maria Magdalena, der St. Christophori als Filialkirche untergeordnet war, gefeiert. Kurz darauf führte er eine neue Gottesdienstordnung nach Wittenberger Vorbild ein. Diese religionshistorische Bedeutung wird im 500jährigen Reformationsjubiläum auch daran deutlich, dass Breslau Teil des diesjährigen „Europäischen Stationenweges“ ist, der daran erinnert, wie die Reformation Kulturen und Regionen mit geprägt hat.

Getragen wurde die Gemeinde seit Ende des Zweiten Weltkrie-ges vor allem von Frauen, die hier vor dem Krieg, im Krieg und danach gelebt haben. Im Jahr 1958 wurde die Kirche in Breslau den hier lebenden Bürgern deutscher Abstammung zur Verfü-gung gestellt. Immer wieder stellten sich grundlegende Fragen: „Wie geht es weiter?“, „Gibt es Perspektiven, das Wort Gottes in deutscher Sprache zu hören?“

Inzwischen sind diese Fragen beantwortet: Heute ist die Gemeinde nicht nur die Gemeinde der heimatverbliebenen Bürger deutscher Herkunft, sondern auch die Gemeinde der Neuzugezogenen. Das Wort Gottes wird sowohl in polnischer als auch in deutscher Sprache verkündet. Für die Verankerung des christlichen Glaubens ist nach den wunderbaren Worten des Erzbischofs Alfons Nossol der Gebrauch der Muttersprache, die „Sprache des Herzens“, wesentliche Bedingung. Bischof Andrzej Czaja wies in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass die Minderheit das Recht hat auf eine vollständige pastorale Betreuung in ihrer Sprache. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass für viele Gläubige die St. Christophori-Gemeinde eine Raststätte für die Seele geworden ist und eine ausgeprägte Zugehörigkeit zur Gemeinde empfunden wird. Dies erfüllt mich mit großer Hochachtung, verkörpert doch diese Gemeinde sowohl eine religiöse als auch eine nationale Minderheit in Breslau.

Wenn wir heute die Schönheit dieses altehrwürdigen Gotteshauses bewundern, vergessen wir nur allzu leicht, dass zu seinem Erhalt immer wieder Restaurierungsarbeiten notwendig sind, die natürlich auch viel Geld kosten. Ich habe mich deshalb sehr über einen Brief von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Frau Staatsministerin Prof. Monika Grütters, gefreut, mit dem sie die besondere Bedeutung der St. Christophori-Kirche ausdrücklich anerkennt und Fördermöglichkeiten für Restaurierungsvorhaben in Aussicht stellt. Bereits ihr Vorgänger im Amt, Staatsminister Bernd Neumann, hatte 2006/2007 Mittel für den Erhalt und die Sicherung der wunderschönen Epitaphien an der Außenwand der Kirche zur Verfügung gestellt.

Lieber Probst Fober, Sie selbst haben vor nicht allzu langer Zeit auf einer Tagung in Groß Stein/ Kamień Śląski Ihr Verständnis von Ökumene und Ihr Selbstverständnis als Vertreter einer nati-onalen Minderheit wie folgt beschrieben:

„Für uns ist es egal, wer in die Kirche kommt, Hauptsache er versteht die Sprache, in der wir dort feiern. Weil wir eine deutsche Gemeinde sind, machen wir es auf Deutsch. Aber wir möchten damit keine politischen Ziele erreichen. Wir sind eine Gemeinde, die ganz stark glaubt, dass die Gemeinschaft mit Christus die Gemeinschaft mit anderen Christen meint. Wir haben ja das gleiche Evangelium.

Christlicher Glaube bedeutet für uns den Glauben an die Auferstehung und die Auferstehung bedeutet Begegnung. Die Begeg-nung ist auch eine Aufforderung für mich, denn ich muss nicht nur den, dem ich begegne, definieren, sondern auch mich selbst. Solange ich es nicht mache, wird der Unbekannte ein Fremder bleiben. Deswegen ist auch so viel Angst in Europa wegen Menschen, die zu uns kommen, weil wir sie nicht kennen, sie auch nicht kennen wollen.

In der Begegnung lernen wir uns kennen, deshalb ist unsere Gemeinde eine, die ihre Türen öffnet. Unser Christsein zeigt sich nicht nur in der schönen alten Liturgie, was auch wichtig ist, sondern, wenn wir die Kirche verlassen. Erst dann beginnt man Christ zu sein.“

In Ihren Ausführungen kommt eine christliche Haltung zum Ausdruck, die ich als besonders wertvoll und vorbildlich finde. Sie erinnert mich an einen großen Sohn Niederschlesiens, Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb zu Pfingsten 1944 in seiner Berliner Gefängniszelle, dass Gottes Segen weitergegeben sein will und, dass es nichts Größeres gebe, als dass ein Mensch ein Segen für andere sei. Das haben Sie sich offensichtlich zu Eigen gemacht. So trägt man ja auch dazu bei, Spaltungen zu überwinden und zu einer erfüllten Gemeinschaft teils über Konfessionsgrenzen hinaus zu gelangen.

In Ihrer Gemeinde herrscht nach meinem Eindruck der von Papst Johannes Paul II. in seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar 1989 eingeforderte „offene Geist, der bestrebt ist, das kulturelle Erbe der Minderheiten, dem er begegnet, besser zu begreifen“ und der „dazu beitragen wird, Handlungen zu überwinden, welche gesunde gesellschaftliche Beziehungen behindern.“

Lieber Probst Fober, ich weiß, dass Ihre Gemeinde eine Sozialstation und eine Pflegestation führt und so große Hilfe vor Ort für jedermann geleistet wird. Vielleicht ist auch Hedwig, Herzogin von Schlesien, die mit gleichem Jahresjubiläum, also vor 750 Jahren, am 27. März 1267 heiliggesprochen wurde, Maßgabe und Anregung für diese tatkräftige und vorbildliche Nächstenliebe. Die Heilige Hedwig war ja nicht nur eine große Wohltäterin und Vorbild im Umgang mit Armen und Kranken, sondern sie gilt auch als Fürsprecherin für eine Verständigung und Versöhnung zwischen Deutschen und Polen. Sie wurde im Jahr 1965 von den polnischen Bischöfen, darunter auch Karol Wojtyla als Erzbischof von Krakau, als „der beste Ausdruck eines christlichen Brückenbaus zwischen Polen und Deutschland“ bezeichnet.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für Ihre wichtige Arbeit alles Gute, Gottes Segen und Geleit. Ich bin froh und glücklich, diesen Tag mit Ihnen und Ihrer Gemeinde verbringen zu dürfen!

Zum Grußwort von Bundesbeauftragten Koschyk anlässlich des Festgottesdienstes zum 750jährigen Bestehen der evangelisch-lutherischen St. Christophori-Kirche in Breslau gelangen Sie hier.

Zur Internetseite der St. Christophori-Kirche gelangen Sie hier.

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There is 1 comment

  • Diese Kirche habe ich auch bei meinen Polenreisen besucht, sie ist wunderschön und sehr gepflegt,
    bei meinen beiden Polenreisen (Ost und Westpolen) konnte ich mit vielen Polen sprechen und habe
    festgestellt, daß noch viel mehr Kontakte geknüpft werden müssen – sprechen und Kontakte, das ist
    sehr wichtig. Ich erinnere nur an Veit Stoss – der Marienaltar in Krakau und der Englische Gruß in der
    Nürnberger Lorenzkirche.

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