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Koschyk im Interview mit Deutschlandfunk zu Nordkorea / Giftmord an Halbbruder „offenbart die entschlossene Grausamkeit Kim Jong-Uns“
27. Februar 2017
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In einem Radiointerview mit dem Deutschlandfunk erklärte Bundesbeauftragter Hartmut Koschyk MdB, dass er keinen keinen Zweifel daran habe, dass der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un für den Gifttod seines Halbbruders verantwortlich ist. Koschyk, der Vorsitzender der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages, Ko-Vorsitzender des Deutsch-Koreanischen Forums und Ko-Vorsitzender des deutsch-koreanischen Beratergremiums zu außenpolitischen Aspekten der Wiedervereinigung ist, forderte im Deutschlandfunk ein hartes Vorgehen gegen das Regime – allerdings ohne dabei eine Eskalation herbeizuführen.

„Man muss das grausame Regime mit seiner Brutalität ernst nehmen,“ so Koschyk. Die Tatsache, dass Nordkorea Einfluss auf die Ermittlungen in Kuala Lumpur nehmen wollte, spreche dafür, dass das Regime für den Tod von Kim Jon Nam verantwortlich sei. Koschyk betonte, er bewundere die Behörden in Malaysia. Das Land habe bislang relativ gute Beziehungen zu Nordkorea gehabt. Polizeiangaben zufolge war Kim Jong Nam vor zwei Wochen auf dem Flughafen von Kuala Lumpur ein Chemie-Kampfstoff ins Gesicht gerieben worden. 

Deutschlandfunk

Das Interview in voller Länge:

Doris Simon: VX ist eine Massenvernichtungswaffe, ein chemischer Kampfstoff, ein Nervengift. Mit VX wurde vor zwei Wochen auf dem Flughafen Kuala Lumpur Kim Jong Nam umgebracht, der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un. Gestern sprach der malaysische Gesundheitsminister von einem schnellen, aber sehr schmerzhaften Tod des Opfers. Zwei Frauen hatten Kim Jong Nam ein mit VX getränktes Tuch ins Gesicht gedrückt. 20 Minuten später war der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators noch im Rettungswagen gestorben. Die malaysische Regierung hat die Obduktion gegen den Widerstand Nordkoreas vornehmen lassen. Am Telefon ist der CSU-Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk, Vorsitzender der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe. Er ist selbser mehrfach in Korea gewesen, in Nordkorea auch. Guten Morgen!

Hartmut Koschyk: Guten Morgen, Frau Simon!

Simon: Herr Koschyk, die Geschichte ist so seltsam, man könnte fast an einen schlechten James-Bond-Film denken. Aber das wäre ganz falsch, denn es geht ja eigentlich um einen brutalen Politmord, oder?

Koschyk: Es geht um einen brutalen Politmord, denn Kim Jong Un scheint entschlossen zu sein, mit aller Macht seinen Herrschaftsanspruch sowohl im Land, aber nach außen zu dokumentieren. Es ist ja nicht der erste nahe Verwandte, der seit Machtübernahme durch Kim Jong Un grausam ums Leben gekommen ist. Er hat ja auch seinen Onkel, der vorher sehr engagiert in den Auslandsgeschäften mit China, aber auch mit Malaysia involviert war, brutal hinrichten lassen. Und das Ganze offenbart uns einmal wieder die Entschlossenheit, die grausame Entschlossenheit des nordkoreanischen Diktators.

„Das ist alles sehr geplant“

Simon: Das heißt, Sie zweifeln gar nicht, dass Kim Jong Un, der nordkoreanische Diktator, hinter dem Mord steht?

Koschyk: Ich glaube, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Und die Reaktion Nordkoreas, dass Nordkorea versucht hat, auf die Ermittlungsanstrengungen der malaysischen Behörden Einfluss zu nehmen, zeigt ja ganz eindeutig, wie Nordkorea in dieser Frage agiert. Und deshalb bewundere ich schon die malaysischen Behörden. Man darf nicht übersehen, Malaysia ist ja ein Land, das in der Vergangenheit immer auch für Kontakte zum Beispiel zwischen den USA und Nordkorea stand. Da hat sich viel auch in Malaysia abgespielt. Malaysia ist ein Land, dass Kim Jong Nam öfters, in Anführungszeichen, beherbergt hat. Es ist ein Land, dass über, in Anführungszeichen, ganz gute Beziehungen zu Nordkorea verfügt. Aber dass dieses Land sich jetzt in dieser Frage relativ offen auch gegen Nordkorea stellt, finde ich auch politisch sehr bemerkenswert.

Simon: Nordkorea, ich hab das ja eben angespielt, kommt vielen von uns durch seine abgeschlossene Diktatur, durch seinen bizarren Machthaber vor allem erst mal absurd vor, und erst dann vielleicht gefährlich. Ist das falsch?

Koschyk: Vieles, was man aus Nordkorea hört, erscheint einem immer in erster Linie irrational. Aber ich habe mal den Begriff geprägt, dass es rational-irrational ist, weil hinter allen Maßnahmen der nordkoreanischen Führung um Kim Jong Un stecken natürlich rationale Überlegungen. Und dass Nordkorea gerade beim Treffen des neuen amerikanischen Präsidenten Trump mit dem japanischen Ministerpräsidenten Abe quasi zum Dessert wieder einen Raketenstart durchgeführt hat, das zeigt natürlich, dass das alles sehr geplant ist. Nordkorea will deutlich machen, dass es entschlossen ist, seine nuklearen Ambitionen fortzusetzen. Deshalb wird es schon wichtig sein, dass die neue amerikanische Führung, die sich ja politisch etwas schwer tut, für viele nationale wie internationale Themen die richtige Richtung, die richtige Agenda zu finden, sehr bald auch darüber im Klaren ist, wie die neue amerikanische Führung auf Nordkorea reagiert.

„Auftragsmord hat auch den Hintergrund, nach innen abzuschrecken“

Simon: Im eigenen Land kennt ja Kim Jong Un in Nordkorea keine Grenzen seiner Macht. Wenn er jetzt Nervengift einsetzen lässt mitten auf dem Flughafen in Kuala Lumpur. Was heißt das aus Ihrer Sicht, Herr Koschyk, für seine Gefährlichkeit über die Grenzen hinaus? Nordkorea hat ja schließlich Atomraketen und hat damit den Malaysiern auch offen gedroht.

Koschyk: Natürlich muss man dieses grausame Regime mit seiner Brutalität ernst nehmen. Diese Ermordung, dieser Auftragsmord hat natürlich auch den Hintergrund, nach innen abzuschrecken, deutlich zu machen: ‚wer sich mir in den Weg stellt, egal, wenn er mir familiär noch so nahe steht, er muss mit dem Schlimmsten rechnen‘. Und Kim Jong Nam ist ja eigentlich der Erstgeborene des Vaters von Kim Jong Un und Kim Jong Nam – die beiden sind Halbbrüder –, und er war ursprünglich mal für den Machtübergang vorgesehen.

Es ist ihm dann ein, in Anführungszeichen, Missgeschick passiert. Er wollte illegal nach Japan reisen und dort Disneyland besuchen. Das ist aufgeflogen. Damit hat er seinen Vater und das Regime international blamiert. Damit ist er quasi aus der Herrschernachfolge ausgeschieden. Und er hat sich in den letzten Jahren nicht mehr, aber doch bei der Machtübernahme von Kim Jong Un kritisch zu diesem Vorgang geäußert, und deshalb haben Experten immer damit gerechnet, dass er früher oder später, auch wenn er sich in den letzten Jahren zurückgehalten hat, ins Visier seines Bruders gerät.

Gezielt überlegen, wie man dem Regime begegnet

Simon: Herr Koschyk, die Frage ging aber mehr darauf, wie gefährlich oder wie viel gefährlicher als bis jetzt der nordkoreanische Diktator auch nach außen hin ist.

Koschyk: Dass Nordkorea ja über dieses Nervengas verfügt, dass es es einsetzt auch im Ausland, daran muss man ja nichts weiter erklären. Und dass Nordkorea nukleare Ambitionen hat, spaltbares Material entwickelt, Raketen zunehmend erfolgreich testet, das macht ja deutlich, wie gefährlich dieses Regime ist. Aber man muss natürlich überlegen, welche richtige Antwort man findet. Die Vereinten Nationen haben gerade einen Bericht vorgelegt, dass es Nordkorea scheinbar gelingt, die Sanktionen, die durch UN-Mandat gegenüber dem Land verhängt worden sind, zu durchbrechen. Also man muss wirklich sehr gezielt überlegen, ohne Eskalationen von vornherein einzukalkulieren, wie man durch Entschlossenheit, durch Klugheit und Härte international diesem Regime begegnet.

Simon: Das heißt also auch, Ländern wie Eritrea, die mit Nordkorea, gerade aus dem UN-Bericht, zusammenarbeiten sollen, dann deutlich zu zeigen, dass das negative Konsequenzen hat?

Koschyk: Zum Beispiel.

Simon: Sagt Hartmut Koschyk, CSU. Er ist der Vorsitzende der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe. Wir haben gesprochen über den Fall des ermordeten Halbbruders des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un. Vielen Dank, Herr Koschyk!

Koschyk: Vielen Dank!

Zur Internetseite des Deutschlandfunks mit dem Radiointerview gelangen Sie hier.

Das Radiointerview zum nachhören in der Mediathek des Deutschlandfunks finden Sie hier.

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