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Koschyk im Interview mit Nordbayerischen Nachrichten über Nordkorea-Reise / Meine Eindrücke sind wie das Land: zwiespältig
9. Juni 2015
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Hartmut Koschyk (3.v.l.) führt Gespräche vor der evangelischen Chilgol-Kirche in Pjöngjang. Hier sei die Delegation mit „ehrlicher Freude“ empfangen worden, sagt der Bayreuther Bundestagsabgeordnete

Der Vorsitzende der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe, Hartmut Koschyk MdB, führte mit den Nordbayerischen Nachrichten ein Interview über seine zurückliegende Reise nach Nordkorea.

Nordbayerische Nachrichten. „Heiliger Atomkrieg“: Koschyk beschimpft. Bayreuther Bundestagsabgeordneter war zu Besuch in Nordkorea und hat heftige Anfeindungen erlebt.

Es habe sich viel verändert in den vergangenen Jahren in Nordkoreas Hauptstadt, sagt CSU-Bundestagsabgeordneter Hartmut Koschyk kurz nach der Rückkehr von seiner jüngsten Reise in das regimegeführte Land. Doch die Spuren der Hungersnot seien allgegenwärtig, sagt der Bayreuther. In einer Andacht haben der Vorsitzende der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe und seine Delegation sogar Anfeindungen erlebt. „Meine Eindrücke sind wie das Land: zwiespältig.“

BAYREUTH/PJÖNGJANG – Exekutionen – auch enger Verwandter –, Massenverhaftungen und Folter, eine wirtschaftlich schlimme Lage, ein polizeigeführter Staat, dessen Menschen
Hunger leiden: Diese Meldungen zeichnen dem Westen ein Bild über Nordkorea, eines der abgeschottetsten Länder der Welt. Dennoch, Hartmut Koschyk glaubt daran, dass sich die Lage auf der koreanischen Halbinsel verändern kann.

Einige Indizien dafür sind ihm auf seiner jüngsten Reise begegnet, – doch ebenso gegenteilige: In einer religiösen Andacht zum Beispiel wurde seine Delegation wüst in ihrer Religion angefeindet.

Koschyk sprach unter anderem mit dem nordkoreanischen Vizeaußenminister, führte viele weitere Gespräche: Denn ihre neue wirtschaftliche Zone wollen die Koreaner nach dem Vorbild der DDR aufbauen; „da wünschen sie sich besonders deutsche Unterstützung“, sagt Koschyk.

In seiner zehnköpfigen Delegation begleitete den Bundestagsabgeordneten der Benediktiner-Pater Tassilo Lengger aus St. Ottilien bei München, der als Fachmann für Land- und Forstwirtschaft die Wiederaufforstungsprojekte begutachtet, die die Hanns-Seidl-Stiftung dort seit 2003 durchführt.

Auch viele weitere vergleichbare Stiftungen arbeiten in Nordkorea „für die innerkoreanische Annäherung“, sie gehen ihrer Verpflichtung nach, den UN-Konventionen zu folgen: Zum Beispiel geht es um ein Projekt mit jungen Gehörlosen und der Befähigung zur Anteilnahme am alltäglichen Leben, es geht um „Öffnung und Kooperation“, eine Art erstes Auswuchten der Wege für Gespräche zwischen dem Süden und dem Norden der Halbinsel.

Wunsch nach Öffnung

„Es gibt von beiden Seiten den intensiven Wunsch, nicht nachzulassen in der Zusammenarbeit“, hat Koschyk bemerkt. Die Öffnung sieht man auch in der gewollten Ansiedlung der Freien Universität Berlin, die künftig in einer Kooperation vor Ort ihre Korea-Studien betreiben könnte. Und in der Möglichkeit für Ausländer, mit Bürgern zu sprechen. Parallel zu Koschyks Delegation waren Vertreter des italienischen Senats zu Besuch. In Sachen Öl oder Maschinen wird Handel mit China betrieben.

Doch Koschyk hat auch erfahren, dass es bis zu einer auch geistigen Öffnung noch ein Wegstück sein kann: Er und seine Delegation – voran Pater Tassilo Lengger – wurden gebeten, in der katholischen Gemeinde in Pjöngjang eine Andacht zu feiern. Doch auch die religiöse Gruppe steht unter der Bewachung des Staates. „Bei diesem Gottesdienst kam es zu einem Eklat, weil dort ein Vertreter eine solche Hasspredigt gegen die Menschen, auch die Christen im Süden, gehalten hat, so dass unsere Gefühle wirklich sehr verletzt worden sind“, sagt er und fügt an: „Es war ein Schock, dass diese Andacht mit unserem Benediktiner-Pater zur politischen Einflussnahme missbraucht wird.“

Im Vorfeld habe der Pater Stellung nehmen müssen, über was er sprechen wolle. Ihm sei nahegelegt worden, heikle Themen wie Religionsfreiheit zu meiden. „Wir wollten eine Andacht
feiern, ein Gebet sprechen, die Evangelien in beiden Sprachen verlesen. Wir waren normale Besucher in diesem Moment.“ Sogar vom „heiligen Atomkrieg“ habe der Gegenprediger gesprochen. Er habe geschimpft und die Gruppe übelst beschimpft. Dass dieses Verhalten inakzeptabel sei – insbesondere Freunden gegenüber, die gebeten wurden, diese Andacht zu feiern –, hat Koschyk dann nach dem ersten Schock dem Vizeaußenminister mitgeteilt. Betretenes Schweigen sei die Antwort gewesen. „Er war peinlich berührt, als ich ihm sagte, dass sie sich vorstellen sollen, wie sie sich fühlen würden, wenn sie auf Besuch im Ausland Derartiges erfahren müssen. Wir haben unsere Begleiter nachdenklich gestimmt“, ist sich Koschyk sicher. Ihm sei viel Unterstützung zugesagt worden.

Koschyk vermutet, dass auch das Wissen um die internationale Berichterstattung bei einem solchen Affront auf die Reaktion eingewirkt hat. „Solche Vorfälle schaden dem Land und
werfen es zurück“, findet er, „und das wissen die Parteivertreter.“ In der evangelischen Gemeinde kurz darauf hat der Bayreuther wegen etwas anderem gestaunt: „Mein Gesangbuch stammte aus Südkorea. Als ich das laut bemerkt habe, habe ich ehrlichen Beifall von den Gläubigen geerntet“, erzählt der Bundestagsabgeordnete. Als sie die „ehrliche Freude“ der Gemeindemitglieder dort erlebten, seien er und seine Delegation schnell wieder versöhnt gewesen. Ansonsten gab es harte politische Gespräche, aber in zivilisierter Form.

Hartmut Koschyk spricht in diesem Zusammenhang gerne von der Makroebene, der politischen, die mit Verhärtungen aufwartet, und der mittleren Ebene und seitens der Bevölkerung, innerhalb derer es „große Aufgeschlossenheit“ gibt. Man dürfe sich von Affronts einfach nicht entmutigen lassen, findet Hartmut Koschyk. Was es brauche, ist ein langer Atem. Den ersten Zug haben die diplomatischen Beziehungen dazu bereits 2002 genommen.

von Andrea Munkert

Den abgedruckten Artikel in den Nordbayerischen Nachrichten finden Sie hier.

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