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Jahreskonferenz des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforum im Stift Tepl / Premonstrátský Klášter Teplá in der Tschechischen Republik
24. September 2016
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Stift Tepl / Premonstrátský Klášter Teplá in der Tschechischen Republik

Im Stift Tepl / Premonstrátský Klášter Teplá in der Tschechischen Republik findet heute die Jahreskonferenz des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums statt, bei der auch der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, anwesend ist und zum Panel I „Kultur und Werte“ referieren wird. Im Panel II werden „Politische und Soziologische Zusammenhänge“ diskutiert, Panel III widmet sich den „Politischen Zusammenhängen“

Das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum ist eines der wichtigsten Projekte des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, dessen Beirat seit Anfang 2005 einen deutschen und tschechischen Vorsitzenden hat und aus jeweils bis zu 10 Mitgliedern besteht. Bei jährlichen Konferenzen werden Themen von deutsch-tschechischer Relevanz diskutiert.

Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds ist eine zwischenstaatliche Institution mit dem Auftrag, die Verständigung zwischen Tschechen und Deutschen zu fördern, die Zahl der beidseitigen Begegnungen zu erhöhen und die Form der Zusammenarbeit durch Unterstützung gemeinsamer Projekte zu erweitern. Der Zukunftsfonds entstand als konkretes Ergebnis der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997. Nach der Unterzeichnung seiner Satzung durch die deutsche sowie die tschechische Regierung wurde er am 29. 12. 1997 nach tschechischem Recht als Stiftungsfonds mit Sitz in Prag ins Leben gerufen.

Die diesjährige Jahreskonferenz findet im historischen Stift Tepl/Premonstrátský Klášter Teplá statt. Stift Tepl ist eine Abtei des Ordens der Prämonstratenser in Tschechien, wurde im 13. Jahrhundert von dem Gaugrafen Hroznata von Ovenec nach einem Gelübde als Ersatz für die Teilnahme an einem Kreuzzug nach Jerusalem gestiftet. Sie bildet zugleich einen Ortsteil der Stadt Tepl/Teplá in Westböhmen.

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Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, eröffnet bei der diesjährigen Jahreskonferenz das Panel I „Kultur und Werte“ mit nachfolgendem Impuls:

Ich bedanke mich herzlich für die Einladung zur Jahreskonferenz des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums, die ich ausgesprochen gerne angenommen habe. Sie findet dieses Mal in Tepl / Teplá statt, diesem Kleinod mitteleuropäischer Kultur. Die Historiker sind sich nicht sicher: aber auf die hiesige Lateinschule soll im 14. Jahrhundert Johannes von Saaz gegangen sein, der der deutschsprachigen Literatur um 1400 den berühmten „Ackermann aus Böhmen“ geschenkt hat, das als sozial- und mentalitätsgeschichtlich höchst bedeutsames Werk des frühen Humanismus gleichsam symbolhaft für unser Panel-Thema „Kultur und Werte steht“.

Das Oberthema unserer heutigen Zusammenkunft ist die „Angst vor dem Fremden“ vor dem Hintergrund der Migration und Integration in Deutschland, der Tschechischen Republik und Europa. Ich werde später noch einmal darauf zurückkommen, warum hier im wahrsten Wortsinne Angst ein schlechter Ratgeber ist.

Unser Panel ist unter die Leitfrage gestellt, welche historischen und kulturellen Unterschiede es zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik bei der Wahrnehmung „fremder Elemente“ gibt und was sie für den gemeinsamen Dialog bedeuten. Ich denke, viel wichtiger als die Unterschiede sind auch in dieser Frage die historischen und kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Tschechen. Ist doch der Dialog gerade der Königsweg, sich der Gemeinsamkeiten zu vergewissern.

Historisch ist Europa ein Kontinent der ethnischen, religiösen und kulturellen Vielfalt. Erst der Ende des 18. Jahrhunderts aufkommende Nationalismus schuf das Irrbild eines anzustrebenden ethnisch homogenen Nationalstaates, indem fremde Ethnien notfalls mit Zwang assimiliert werden sollten. Es gab nur wenige Staaten, wie etwa die Schweiz oder der österreichische Reichsteil der Habsburgermonarchie, die damals schon den Wert kultureller Vielfalt erkannten und das Gegenmodel eines Vielvölkerstaates entgegenstellten. Nachdem nach dem ersten Weltkrieg Entscheidungen in Minderheitenfragen überwiegend an Kabinetts- und Verhandlungstischen getroffen wurden und danach deren Umsetzung viel Leid und historische Belastungen im Verhältnis zwischen den Völkern verursachte, überbot die menschen-verachtende Konsequenz des deutschen Nationalsozialismus beim Versuch, ethnisch und „rassisch“ homogene Staatsgebilde zu schaffen, alles bisher Dagewesene und auch nur Vorstellbare. In der Folge wurden im ganzen östlichen Europa Millionen Deutsche, aber auch Angehörige anderer Völker aus ihrer angestammten Heimat, in der sie großteils seit Jahrhunderten ansässig waren, vertrieben. In der Folge der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen und der Vertreibungen sind die Staaten im mittleren und östlichen Europa tatsächlich ethnisch homogener geworden. Das bedeutet aber nicht, dass Staaten weitgehender ethnischer Homogenität eo ipso auch stabiler sind. Menschen, die in einem tatsächlich ethnisch oder religiös weitgehend homogenen Gemeinwesen leben, stehen immer in der Gefahr, dieses für gott- oder naturgegeben zu halten. Der tschechische Kulturminister Daniel Herman hat in seiner wahrhaften historischen Rede von dem Sudetendeutschen Tag in diesem Jahr deutlich gemacht, dass die Vorstellung homogener Nationen überhaupt erst die Grundlage für Kollektivschuldvorwürfe mit anschließender unterschiedsloser Vergeltung gebildet hat.

Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die ganz selbstverständlich im Alltag mit Menschen anderer Nationalität, Religion und Kultur zusammenleben, von der „Angst vor dem Fremden“ nicht so schnell bemächtigt werden können.

Entscheidend ist dafür aber eines: Der Mensch, der Fremden offen gegenübertreten will, muss in seiner eigenen Identität fest verankert sein, denn nur dieses gibt ihm letztlich Stabilität. Die Pflege der eigenen Identität ist nicht per se gegen Fremde gerichtet, auch wenn der Begriff „Identität“ allzu oft zu einem reinen Schlagwort, mit dem andere ausgegrenzt werden sollen, verkommt.

In seiner auch heute noch sehr lesenswerten Rede des damaligen tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel vor dem Deutschen Bundestag am 24. April 1997 befasst sich dieser ausführlich mit dem Begriffspaar Identität und Heimat. Ich würde mich freuen, wenn Fürst Schwarzenberg als enger politischer Weggefährte Václav Havels viel-leicht noch einige weniger bekannte, aber dennoch wichtige Aspekte zum Verhältnis dieses großen Europäers zu den zentralen Werten Europas geben könnte. Zu Anfang geht Václav Havel hierbei auch auf das spezifische deutsch-tschechische Verhältnis zu diesem Begriffspaar ein:

„Die Tschechische Republik und die Bundesrepublik Deutschland [sind] durch eine bedeutende Tatsache verbunden: Beide sind in ihrer heutigen Gestalt relativ junge Staaten, die in vieler Hinsicht ihre Identität erst suchen und dabei erneut das bestimmen, was sie für ihre Bürger zur Heimat macht. Dabei haben unsere beiden Länder paradox-erweise eine sehr lange und reiche Tradition der Erforschung ihrer selbst als Heimat und der Förderung oder der Kritik verschiedener Formen ihres Patriotismus. Zweitens verläuft jetzt ein präzedenzloser Prozess der europäischen Integration, der nicht nur Sie und uns, sondern eigentlich alle Europäer zwingt, erneut darüber nachzudenken, was in der neuen Ära für sie Heimat darstellt oder darstellen wird, wie sich ihr Patriotismus mit dem Phänomen des vereinten Europa und hauptsächlich mit dem Phänomen des Europäertums vertragen wird und inwieweit heute noch gültig bleibt, dass unter Heimat einfach der Nationalstaat im klassischen Sinne des Wortes und unter Patriotismus nur die Liebe zum eigenen Volk zu verstehen sind.“

Ich denke, hier sind entscheidende Leitfragen auch der heutigen Diskussion brilliant formuliert. Ein in der aktuellen Diskussion weitgehend nicht beachteter, aber m.E. doch entscheidend wichtiger Faktor für die Bewältigung der mit dem Flüchtlingszustrom verbundenen Probleme ist die Stärkung der eigenen europäischen Identität. Ein Schlüsseldokument für mich ist hierbei die Botschaft zum Weltfriedenstag 1989 von Papst Johannes Paul II. „Um Frieden zu schaffen, Minderheiten achten!“, die Werte Heimat, Identität und Glaube in eine enge, sich gegenseitig bedingende Beziehung stellen. Dieses gilt nicht nur nationale Minderheiten, für die ich in besonderer Weise als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten zuständig bin. Auch für Europa als Ganzes ist die Identität entscheidend, gerade angesichts der Fluchtbewegungen. Diesen Zusammen-hang hat Papst Franziskus in seiner Ansprache vor dem Europäischen Parlament am 25. November 2014 aufgezeigt:

„Europa wird imstande sein, die mit der Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen, wenn es versteht, in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen und geeignete Gesetze in die Tat umzusetzen, die fähig sind, die Rechte der europäischen Bürger zu schützen und zugleich die Aufnahme der Migranten zu garantieren.“

Es geht in der jetzigen Situation für die Europäer eben nicht darum, seine eigene Identität hintanzustellen, damit diese nicht einer falschen Konzeption von der Integration der Flüchtlinge im Wege steht. Die europäischen Werte, dem Besten aus christlich-jüdischem Glauben, griechischer Philosophie und römischen Staatswesen, sind die beste Basis für eine erfolgreiche Demokratie. Darum ist es gerade jetzt richtig und wichtig: Wir müssen Europa wieder stärker europäisieren! Wir müssen unsere europäische Identität wieder stärker ins Bewusstsein bringen

Den Redebeitrag von Bundesbeauftragten Koschyk als pdf-Datei können Sie hier herunterladen.

Weiterführende Informationen zum Deutsch-Tschechischen Gesprächsforum finden Sie hier.

Weiterführende Informationen zum Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds finden Sie hier.

Weiterführende Informationen zu Stift Tepl / Premonstrátský Klášter Teplá in der Tschechischen Republik finden Sie hier.

 

 

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