International
XV. Deutsch-Koreanisches Forum in Gyeongju – Arbeitsgruppe „Globale Verantwortung“
13. Oktober 2016
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In der Sitzung der Arbeitsgruppe 1 gab es vier Vorträge und eine anschließende Diskussion zu Deutschlands und Koreas globaler Verantwortung. Im ersten Vortrag gab der Präsident der Dongguk Universität im Gyeongju, Herr Dae Won Lee, einen Überblick über die Rolle Südkoreas in der Welt. Dabei legte er Wert auf die Tatsache, dass sich Korea von einem Empfänger öffentlichen Direktinvestitionen (ODA) zu einem ODA-Geberland entwickelt habe, was nicht nur Ausdruck der wirtschaftlichen Entwicklung Koreas sei, sondern gleichzeitig auch bedeute, dass das Land eine entsprechend große Verantwortung in der Welt habe, vor allem Entwicklungsländer nachhaltig in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Die Ziele Koreas in diesem Zusammenhang fasste er zusammen mit den Bereichen Frieden, Menschenrechte und Nachhaltigkeit. In diesem Zusammenhang nannte er das Engagement Koreas als Mitglied der Vereinten Nationen und die Beteiligung u.a. bei der Entsendung der UN-Friedenstruppen seit 1993. Des Weiteren fanden Koreas Kooperationsprogramme in Asien im Zusammenhang mit Umwelt- und Klimafragen wie u.a. im Kontext des Green Climate Change Erwähnung. Außerdem erläuterte Herr Lee die Unterstützung nordkoreanischer Flüchtlinge bei ihrer Integration in der südkoreanischen Gesellschaft. Insbesondere verwies er auf verschiedene Aktivitäten seiner Universität, die sich u.a. einsetzt, um Studierende aus Vietnam in ihrem Studium an der Dongguk Universität zu fördern und koreanische Studierende nach Kambodscha entsendet.

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Stefan Auer, Botschafter der EU in Südkorea, strukturierte seinen Beitrag in drei Abschnitte, wobei er mit einer analytischen Bestandsaufnahme der globalen Ordnung begann, auf die entsprechenden Herausforderungen einging und schließlich sechs Thesen vorstellte, die handlungsleitend auf diese Aufgaben bezogen waren. Zunächst betonte er, dass die gegenwärtige internationale Ordnung im Sinne von internationalen Werten bzw. internationalem Recht immer häufiger von Akteuren in Frage stellt oder verletzt würden. Dabei nannte er u.a. terroristische Organisationen, aber auch fragile Staaten, die teilweise hybride Kriegsführung einsetzten, oder Akteure, die zwar internationales Recht für sich nutzten, jedoch selbst parallele Strukturen installierten, die diesen widersprächen. Als zentrale Herausforderungen der Gegenwart identifizierte Herr Auer Migration, Klimawandel und die wachsenden Mittelschichten in sich industrialisierenden Staaten zunehmend herausbilden und die ähnliche Konsummuster wie in der westlichen Welt annähmen, was zu Herausforderung in Fragen der Umwelt und des Klimas führen würde. Die EU sei herausgefordert durch Migrationsfragen, die teilweise von Populisten missbraucht würden, Tendenzen der Re-Nationalisierung zu verfolgen. Es folgten sechs Thesen, wie man den

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Herausforderungen begegnen müsse. Erstens, sei die EU Teil der Lösung, nicht des Problems. D.h., wieder nationale Grenzen einzuführen, mache keinen Sinn, es gebe kein Zurück. Zweitens, die EU müsse kooperieren mit Ländern der Welt, die dieselben Werte vertreten. Drittens, Herausforderungen dürften nicht regionalisiert werden, da in einer globalisierten Welt alle von den Herausforderungen betroffen sein. Z.B. sei die nordkoreanische Atomfrage kein Problem nur Nordostasiens. Viertens, es dürfe nicht in einer Nullsummenspiel-Logik gedacht und gehandelt werden, sondern es müssten Kooperationen und Partnerschaften angestrebt und gefördert werden. Fünftens, müsse die EU ein globaler Partner sein und vor allem sei Korea für Kooperationen prädestiniert, da man mit Korea so viele Interessen teile wie mit sonst keinem anderen Land. Während man bereits in zahlreichen Projekten Seite an Seite stehe, wie bei der Bekämpfung des Piraten-Problems, der Afghanistan-Geberkonferenz oder in der allg. Entwicklungspolitik, könne man sich in Zukunft darüber hinaus gemeinsam in Projekten engagieren und austauschen über Fragen des Klimawandels, der Arbeitsplatzbeschaffung, der Menschenrechte und der Nachhaltigkeit. Sechstens, sollte man gemeinsam kämpfen für eine global governance und einen effektiven Multilateralismus, d.h. man müsse dafür sorgen, dass multilaterale Organisationen auch in Zukunft effektiv und relevant bleiben, um den globalen Herausforderungen mit entsprechender Verantwortung entgegentreten zu können.

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Frau Heekyung Min, Vizepräsidentin der Unternehmensgruppe CJ, sprach zur Thematik Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung (CSR) und dazu, welche Philosophie und welche Aktivitäten ihr Unternehmen dazu verfolgt. Der Vortrag begann mit der Feststellung, dass es in Korea starke Trends von gesellschaftlicher Polarisierung, sinkenden Wachstumsraten und einer alternden Gesellschaft gebe, Herausforderungen, die sich auch in anderen Ländern zunehmen fänden. Die absoluten Zahlen der Ausgaben von koreanischen Großkonglomeraten soziale Projekte seien in den vergangen zehn Jahren um das Dreifache gestiegen und auch CJ investiere immer stärker in diesem Bereich, um einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft zu leisten. Dies sei nicht nur ein Motto, sondern Teil der Philosophie ihres Unternehmens, das sich dabei an den Nachhaltigkeitszielen der UN-Konferenz orientiere und die drei Themen Umwelt, Gesellschaft und Governance zu eigen gemacht habe. Umgesetzt werde diese Philosophie u.a. durch die zwei CJ-Stiftungen zu Wohlfahrt und Kultur, die vor allem junge, bedürftige Menschen in ihrer Entwicklung unterstützten. Neben dem Senior Parcel Delivery in Korea dienten als Beispiele für internationale Aktivitäten das Anbauprojekt von roten Chilischoten in Vietnam und die Bildungsförderung von Mädchen in Asien, die mit einer engen Zusammenarbeit mit verschiedenen koreanischen und internationalen Organisationen sowie mit Regierungseinrichtungen auf verschiedenen Verwaltungsebenen einhergingen.

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Frau Bärbel Höhn, MdB für Bündnis90/Die Grünen, verwies zu Beginn ihres Vortrages auf die Umweltkrise, die sich u.a. im hohen CO2-Ausstoß weltweit manifestiere und die Notwendigkeit, diesen Ausstoß radikal zu reduzieren, wenn man die Ziele der Pariser Klimakonferenz umsetzen wolle. Dies hieße 95% weniger CO2 vor allem in den Bereichen Strom, Verkehr und Wärme. Für die Energiewende müsse ein großer Aufwand betrieben werden, wozu auch eine starke Finanzierung gehört; der Green Climate Fund sei dazu geschaffen worden. In Deutschland habe man es in den vergangen 15 Jahren bereits erfolgreich geschafft, den Anteil von Atomstrom von 35% auf 14% zu reduzieren und den Anteil von Erneuerbaren von 3% auf 33% zu erhöhen. Dadurch wurden mit 370.000 Arbeitsplätzen mehr Arbeitsplätze geschaffen, als vorher durch Stellenabbau verloren worden waren; auch eine geringere Abhängigkeit von Ressourcenimporten sei neben dem offensichtlichen Vorteil der Abwendung einer Umweltkatastrophe ein wichtiger Aspekt. In einem dritten Abschnitt ging Frau Höhn auf mögliche Kooperationen zwischen Deutschland und Korea ein. Hier nannte sie den Austausch über Erfolgsmodelle (best practice) wie Gesetzgebung zu Erneuerbaren und zum Klimaschutz sowie zur Anpassung von Klimawandelzielen. Man könne sich gegenseitig zuarbeiten bei Projekten zur Abkehr von Kohlekraftwerken und bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen (SDG). Schließlich könne man sich gegenseitig anspornen zu einer proaktiven Haltung des „think global, act local“, die in Zeiten globaler Herausforderungen nötig sei.

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In der anschließenden Diskussion gab Frau Barbara Zollmann, der Geschäftsführung der Deutsch-Koreanischen Handelskammer, für Korea zu bedenken, dass die Regierung derzeit immer noch stark auf Atomernergie setze. Frau Höhn verwies ihrerseits darauf, dass ein weiterer wichtiger Grund für den Atomausstieg auch der Zusammenhang zu möglichem Missbrauch von angereichertem Uran aus Atomkraftwerken. Diesen Punkt betonte auch Botschafter Auer, wobei er auf Erkenntnisse einer jüngst durchgeführten Sicherheitskonferenz verwies. Des Weiteren betonte Frau Höhn, dass sich Atomkraftwerke im Vergleich zu Erneuerbaren nicht mehr rechneten, was auf die stark reduzierten Kosten für Erneuerbare zurückzuführen sei; auch der rasante Anstieg von Investitionen in Technologie für Erneuerbare sei ein Zeichen für eine Trendwende in diesem Bereich. Auf die Frage nach dem Erfolgsrezept Deutschlands bei der Energiewende, die vor dem Hintergrund gestellt worden war, dass in Korea Energiepolitik von der Zentralregierung top-down angeordnet würde, entgegnete Frau Höhn, dass ein wichtiger Aspekt war, dass man die Bürgerinnen und Bürger von Anfang mit einbezog und ihnen so die Möglichkeit gab, von der Wende zu profitieren. Die Wende konnte so große Unterstützung finden. Auf eine weitere Frage, wie sie auf die unverhältnismäßig hohen Kosten der Atomenergie komme, antwortete Frau Höhn, dass man mindestens die immensen Kosten für die sog. Endlagerungen mit einrechnen müsse neben vielen anderen.

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Herr Dr. Gi Woong Son, Vizepräsident des Korea Institute for National Unification, stellte den Ansatz des „green detente“ für Asien vor. Die Idee sieht vor, dass man das Vorhaben Koreas, eine nordostasiatische Gemeinschaft in Anlehnung an die EU effektiv beginnen könnte, wenn man sich zunächst gemeinsamen und akuten Problem widmet wie Umwelt und Energie. Darauf könnte man wirtschaftliche Themen folgen lassen und schließlich erst in einem dritten Schritt politische Bereiche einführen. Auch wenn die Atomfrage sehr wichtig sei, müsse man Umweltfragen als fundamental erachten, da es unumstritten sei, dass wenn man sich nicht damit beschäftige, eine Umweltkrise nicht abwendbar sei. Botschafter Auer begrüßte die Idee der „green detente“ als einen vielversprechenden Ansatz, gab jedoch zu bedenken, dass das Thema Energie schwierig sein könnte, da Staaten großen Wert auf Energiesicherheit legten. In Europa habe man diesen Formungsprozess mit politischen Themen begonnen, die durch wirtschaftliche Verflechtungen gelöst werden sollte, die Konstellation in Ostasien jedoch sei so gelagert, dass sich der umgekehrte Ansatz, wie er von Herrn Dr. Son geschildert wurde, anbiete. Die Arbeitsgruppe schloss nach einem letzten Redebeitrag von Herrn Yves-Simon Gloy, Bereichsdirektor des Textilmaschinenbaus am Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen, der die Wichtigkeit globaler Kooperation bei gleichzeitigemlokalen Denken im Sinne von Forschung und Entwicklung sowie Umsetzung unterstrich.

Protokollant: Prof. Johannes Mosler

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