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„Landesgruppe im Gespräch“ zum Thema „Flucht und Vertreibung in der deutschen und europäischen Erinnerungskultur“
6. August 2009
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Der 5. August ist für die deutschen Heimatvertriebenen ein wichtiges Datum. An diesem Tag wurde 1950 die Charta der deutschen Heimatvertriebenen in Stuttgart verabschiedet. Damals, nur fünf Jahre nach Kriegsende und den Gräueln von Flucht und Vertreibung, bekannten sie sich zum Aufbau eines gemeinsamen Europa und Deutschlands. Ein guter Grund also für die CSU-Landesgruppe an diesem Jahrestag der Charta der deutschen Heimatvertriebenen nach München in die Hanns-Seidel-Stiftung einzuladen zu einer Veranstaltung in der Reihe „Landesgruppe im Gespräch“.

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Das Motto „Flucht und Vertreibung in der deutschen und europäischen Erinnerungskultur“ bedeute „Bilanz zu ziehen zum Stellenwert von Flucht und Vertreibung in der öffentlichen Debatte“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag Hartmut Koschyk zu Beginn des Gesprächsforums. Eingeladen waren mehr als 100 Vertreter der deutschen Vertriebenenverbände. Auf dem Podium selbst diskutierten nach einer thematischen Einführung durch den Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe Peter Ramsauer, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach, der CSU-Europaabgeordnete und Landesvorsitzende der Union der Vertriebenen Bernd Posselt sowie die Publizistin Helga Hirsch und der Historiker Andreas Kossert.
Hartmut Koschyk betonte, dass die CSU immer auf der Seite der Vertriebenen stand. Es sei Franz Josef Strauß gewesen, der sich seinerzeit sogar für den Friedensnobelpreis für die Vertriebenenverbände stark gemacht habe. Es sei „sehr erfreulich“, dass die Stiftung „Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ wahr geworden sei und sich dieses wichtigen Themas in der deutschen Geschichte nun ernsthaft gewidmet werde. Er gratulierte zudem in seiner Begrüßung Erika Steinbach noch einmal ausdrücklich zur Auszeichnung mit dem bayerischen Verdienstorden wenige Stunden zuvor. „Sie haben sich in Bayern verdient gemacht, indem sie die Heimatvertriebenen wieder fest in der deutschen Gesellschaft verankert haben.“ Steinbach habe den BdV mit seinen zahlreichen lokalen Kontakten zu einer wertvollen Brücke zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn gemacht.
Der CSU-Landesgruppenvorsitzende Peter Ramsauer machte in seiner thematischen Einführung auf die „hervorragenden und maßgeblichen“ Wiederaufbauleistungen der deutschen Heimatvertriebenen aufmerksam. „Sie haben angepackt und haben mit ihrem Fleiß und ihrer Tüchtigkeit unser Land geprägt.“ Ramsauer wies auch darauf hin, dass das Thema Flucht und Vertreibung bis heute ein „immer noch schwieriges Thema“ sei. In der DDR sei es konsequent verschwiegen worden, in der alten Bundesrepublik oft ideologisch besetzt gewesen. Bis heute zeige sich, dass die Wahrnehmung des Schicksals der deutschen Heimatvertriebenen problematisch ist. Jüngstes Beispiel sei die Verweigerungshaltung der SPD bei der Besetzung des Stiftungsrats der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Die Haltung der CSU sei ganz klar: Der BdV habe das „selbstverständliche Recht“ über seine Vertreter im Stiftungsrat selbst zu entscheiden. Erika Steinbach könne natürlich den Sitz in Anspruch nehmen. Die Unterstellung mancher Medien, die CSU entdecke die Vertriebenen jetzt erst wieder vor den anstehenden Bundestagswahlen, wies Ramsauer entschieden zurück. „Die CSU war immer an der Seite der Vertriebenen, die Sudetendeutschen sind zum vierten Stamm Bayerns geworden und haben das Gesicht unseres Landes maßgeblich geprägt.“
Die BdV-Vorsitzende Erika Steinbach bestätigte dies und unterstrich, dass der 5.August 1950 eine „mental übermenschliche Leistung“ der Versöhnung gewesen sei. Zugleich begrüßte sie, dass sich das gesellschaftspolitische Klima in den letzten Jahren stark gewandelt habe. Flucht und Vertreibung seien jetzt ein Thema, mit dem man sich anders und befreiter auseinandersetze. Diese Auseinandersetzung sei wichtig, denn „ein Volk ohne Erinnerung ist wie eine Pflanze ohne Wurzeln“. Ihr Wunsch sei es, dass, was sie als Geigerin im Orchester erlebt habe, nämlich das freudige Zusammenspiel von Musikern aus Polen, Ungarn, Tschechien und Deutschland bei Werken von Beethoven, Brahms, Chopin, Dvorak und Smetana, auch in der europäischen Vertriebenenpolitik zu erleben.
In der anschließenden Podiumsdiskussion skizzierten die Teilnehmer ihre Wahrnehmung des Themas Flucht und Vertreibung. Es sei bisweilen eine „brodelnde Gemengelage“ vorhanden, sagte Steinbach. Es bedürfe nach der Wende in den ehemaligen Ostblockstaaten wohl noch einige Zeit des „Selbstfindungsprozesses“. Auch die Trägerin des Deutsch-Polnischen Journalistenpreises, Helga Hirsch, sprach davon, dass sich die „Traumata langsam abgekühlt“ hätten. „Die menschliche Psyche braucht Zeit, und daher entsteht erst jetzt in der zweiten und dritten Generation danach ein objektiveres Verhältnis zur Geschichte“. Bernd Posselt beklagte, dass es in der Vergangenheit nie einen deutschen Außenminister mit einem Bezug zu den Vertriebenen gegeben habe. Dies hätte manches leichter gemacht.
Der Historiker Andreas Kossert schließlich mahnte, dass das Thema auch 64 Jahre nach dem Krieg noch nicht „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen sei. Der Prozess des Sich-Bewusstwerdens müsse schnell einsetzen, bevor die letzten Zeitzeugen wegsterben.
Alle Podiumsteilnehmer und auch der stellvertretende Vorsitzende der Gruppe der Vertriebenen, Flüchtlinge und Aussiedler der Unions-Bundestagsfraktion Stephan Mayer, machten deutlich, auch in Zeiten der Globalisierung hat Heimat nichts an Bedeutung verloren. Heimat gibt Halt und Orientierung und ist ein entscheidender Teil der menschlichen Identität.

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